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Merken   Drucken   18.05.2012, 16:35 Schriftgröße: AAA

Facebook-Börsengang: Hurra, wir reden noch!

Alle reden über den Facebook-Börsengang - und das ist auch gut so. Denn endlich elektrisiert wieder ein Kapitalmarktthema jenseits von Schuldenkrise und Bankenrettung die Menschen.
© Bild: 2011 Bildfunk/Armin Weigel
Kommentar Alle reden über den Facebook-Börsengang - und das ist auch gut so. Denn endlich elektrisiert wieder ein Kapitalmarktthema jenseits von Schuldenkrise und Bankenrettung die Menschen.

Facebook  geht am Freitag an die Börse - und ganz egal, wie hoch die Zeichnungsgewinne ausfallen oder wie tief der Fall des Kurses in den kommenden Tagen sein wird, so steht schon eines fest: Es ist ein Festtag für die Aktienkultur auch in Deutschland. Denn der Facebook-Börsengang polarisiert, er regt Investoren wie Spekulanten zum Nachdenken an, ob ein Börsenwert von 104 Mrd. Dollar für eine Firma mit knapp 4 Mrd. Dollar Umsatz und 1 Mrd. Dollar Jahresgewinn gerechtfertigt ist. Ob sich das Einsteigen auf lange Sicht lohnt.

Der Facebook-Börsengang wird…

 

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Ob eine kleine Spekulation auf kurzfristig weiter steigende Kurse eine gute Idee wäre. Ob man sich der Facebook-Aktie über das eigene Bauchgefühl nähern soll oder besser mit kühlem Blick auf die Zahlen, ob es eine irre Blase ist oder die Geburt eines neuen Börsenriesen à la Google , Microsoft  oder Apple .

Solche Debatten hat es lange nicht mehr gegeben, erst recht nicht in Deutschland mit seiner nicht eben stark ausgeprägten Aktienkultur. Bei Facebook nun fallen diese Diskussionen umso intensiver aus, weil nicht nur der Börsengang und die Aktie, sondern schon das soziale Netzwerk an sich die Menschen emotionalisiert und trennt in Profi-Nutzer, Mitläufer und (oft militante) Nichtnutzer. Zudem haben viele Investoren vor gut zehn Jahren hohe Verluste mit Technologieaktien erlitten und die Angst vor neuen Blasen genetisch einprogrammiert bekommen.

Doch wie nun mit der Facebook-Aktie umgehen? Kurzfristig geht es um nichts anderes als blanke Zockerei, darum, abzuschätzen, ob sich kurzfristig jemand findet, der einem die Aktien eine Stunde oder einen Tag später noch teuerer abkauft, als man sie selbst gekauft hat. "Ich gehe mit Facebook um wie mit jeder anderen heißen Internetaktie seit den 90er Jahren: Ich kaufe am ersten Handelstag und verkaufe am dritten", lässt sich ein Investor von der Nachrichtenagentur Reuters zitieren. "Diese Strategie hat noch nie versagt". Das mag sein. Wer in diesem Spiel als Spekulant mitzocken will, sollte lieber ins Casino gehen - dort gibt es für die Einsätze im Gegensatz zum heimischen PC wenigstens noch ein wenig prickelnde Atmosphäre und kostenlose Getränke.

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Wer sich für Facebook als Investor interessiert, sollte lieber noch ein paar Monate abwarten, statt in die Euphorie der ersten Handelstage hineinzukaufen. Denn ein Grund für die Euphorie und die hohe Aktienbewertung ist die einfache Kaufmannsregel, nach der eine knappe Ware zu einem teueren Gut führt: Facebook ist zwar aus dem Stand an der Börse ein 104-Mrd.-Dollar-Unternehmen - andere Firmen wie Ebay , Microsoft  oder Google  starteten mit weit geringeren Börsenwerten von maximal 20 Mrd. Dollar. Per Freitag kommen aber nur rund 16 Prozent aller Facebook-Aktien im Zuge des Börsengangs in den Handel - weil der Rest weiter in Besitz der Altaktionäre wie etwa Gründer und Chef Mark Zuckerberg bleibt.

Doch wie lange noch? Schon Ende August werden die Haltefristen für weitere 172 Millionen Papiere im Besitz von Altaktionären auslaufen. Hält die Facebook-Aktie ihre luftige Bewertung von dem derzeit rund 25-fachen des Jahresumsatzes und dem über 100-fachen des Jahresgewinnes durch, werden diese allein schon aus Gründen der Diversifikation zügig versuchen, Kasse zu machen. Per Ende November - sechs Monate nach dem Börsengang - läuft dann schließlich die Mindesthaltefrist für weitere 1,3 Milliarden Aktien aus - dem mehr als dreifachen der Zahl der Aktien, die am Freitag an die Börse gebracht werden. Ist die Anfangseuphorie verflogen, werden sich die Marktakteure daher schon bald der Frage widmen, wann und in welchem Umfang die Altaktionäre weitere Papiere abgeben.

Der Börsengang ist und bleibt dennoch ein Gewinn, ganz unabhängig davon, wie sich die Aktie entwickeln wird. Denn die Frage, ob ein Börsenwert angemessen ist oder nicht, werden sich Anleger in Deutschland in den kommenden Monaten noch häufiger stellen müssen. Die Anleihezinsen eilen von einem Rekordtief zum nächsten - gerade einmal 1,4 Prozent Rendite bringen zehnjährige Bundesanleihen noch, eine Wende ist nicht in Sicht. Spötter nennen das eine "kalte Enteignung", denn Anleiheinvestoren bekommen mit der Verzinsung nicht einmal die aktuelle jährliche Teuerung zurück und müssen somit reale Verluste hinnehmen.

Das schmerzt, und dieser Schmerz lässt sich natürlich leichter ertragen, wenn man sich nur lange genug einredet, dass der Aktienmarkt angesichts von Börsengängen vom Kaliber Facebook letztlich auch keine Alternative seien. Sie sind es aber sehr wohl. Facebook hat bei einem Ausgabepreis von 38 Dollar ungefähr den gleichen Börsenwert wie Lufthansa , ThyssenKrupp , die Deutsche Post , Commerzbank , Metro  und BMW  zusammen. Selbst wenn Facebook eine Blase ist - wenn Anleger beginnen, darüber nachzudenken, ob sie für 5000 Euro lieber Anleihen, Facebook-Aktien oder jenes DAX -Sextett halten wollen, ist das schon ein Fortschritt.

 

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  • FTD.de, 18.05.2012
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Kommentare
  • 22.05.2012 07:39:24 Uhr   John Doe: Vorsicht: Satire!

    Guten Morgen Herr Kirchner,

    ich bekenne, ich bin kein bekennender Börsianer. Schnipsel: Privatsender, farbig blinkende Bildschirmwand, Aktienreport, Ausblick: "... im Markt (Papier) ist noch jede Menge Phantasie drin!" Mehr nicht, ich hatte erwartet, etwas wie Substanz, nein, nur Phantasie! Betreibt der Sender unabsichtlich Realsatire? Nein, die Mädels und Jungs dort, die meinen es ernst! Selbstsicht: Wir bilden die Realität ab! Was treiben die Börsianer und wozu? Ich dachte in D brummt die Wirtschaft, volle Auftragsbücher, tolle Gewinne, Vollbeschäftigung, Wachstum etc.! DAX Firmen nur Looser, was´n nu´los, soll das Alles nur ein Potempkinsches Dorf sein, ein Schwindel?

    Wenn die Börsenkurse fallen,
    regt sich Kummer fast bei allen,
    aber manche blühen auf:
    Ihr Rezept heißt Leerverkauf.
    .
    Keck verhökern diese Knaben
    Dinge, die sie gar nicht haben,
    treten selbst den Absturz los,
    den sie brauchen - echt famos!
    .
    Leichter noch bei solchen Taten
    tun sie sich mit Derivaten:
    Wenn Papier den Wert frisiert,
    wird die Wirkung potenziert.
    .
    Wenn in Folge Banken krachen,
    haben Sparer nichts zu lachen,
    und die Hypothek aufs Haus
    heißt, Bewohner müssen raus.
    .
    Trifft's hingegen große Banken,
    kommt die ganze Welt ins Wanken -
    auch die Spekulantenbrut
    zittert jetzt um Hab und Gut!"
    .
    Soll man das System gefährden?
    Da muss eingeschritten werden:
    Der Gewinn, der bleibt privat,
    die Verluste kauft der Staat.
    .
    Dazu braucht der Staat Kredite,
    und das bringt erneut Profite,
    hat man doch in jenem Land
    die Regierung in der Hand.

    Für die Zechen dieser Frechen
    hat der kleine Mann zu blechen
    und - das ist das Feine ja -
    nicht nur in Amerika!

    Aber sollten sich die Massen
    das mal nimmer bieten lassen,
    ist der Ausweg längst bedacht:
    Dann wird bisschen Krieg gemacht.
    (Quelle: Sudelblog, aber nicht von Tucholsky, trotzdem gut)
    Ist das des Börsianers Welt, wenn nicht, was ist dann seine Welt und cui bono?

  • 21.05.2012 18:07:56 Uhr   Christian Kirchner: Facebook
  • 20.05.2012 00:56:46 Uhr   John Doe: Wen interessiert,
  • 18.05.2012 21:42:57 Uhr   joey: Gute Idee
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