Barry Eichengreen, Professor für Ökonomie und politische Wissenschaften an der University of California in Berkeley
Abwehrinstinkt gegen Big Government
Obamas Ökonomen waren sich durchaus bewusst, dass ein 787 Mrd. $ schweres Konjunkturprogramm die 3000 Mrd. $ nicht ersetzen kann, die die Privathaushalte aufgrund der Krise weniger ausgeben. Aber sie erkannten auch, dass die Öffentlichkeit ein größeres Paket nicht würde haben wollen, da sie "Big Government" - massive Staatseingriffe in die Wirtschaft - instinktiv ablehnt. Obamas Leuten war klar, dass die Skeptiker mit Steuersenkungen überzeugt werden mussten, auch wenn ihnen zugleich schmerzhaft bewusst war, dass ein größeres Konjunkturprogramm mit mehr Gewicht auf öffentlichen Ausgaben besser gewesen wäre. Doch sie gelangten zu dem Schluss, dass politisch mehr einfach nicht drin war und dass ein unvollkommenes Konjunkturpaket besser sei als gar keines.
Die gleiche Form von populistischer Gegenreaktion verhinderte eine angemessene Rekapitalisierung der Banken. Nach den unglücklichen Erfahrungen mit dem Bankenrettungsprogramm Tarp rebellierte die amerikanische Öffentlichkeit gegen noch mehr Staatshilfe für Finanzinstitute. Die Reaktion war verständlich, denn Tarp war keineswegs transparent. Zudem hatte das Finanzministerium unter
Henry Paulson darum gebeten, von jedweder Rechenschaftspflicht für sein Tun entbunden zu werden. Aber die daraus resultierende Rhetorik, der zufolge die dicken Bonzen von der Wall Street nicht einen einzigen Cent mehr erhalten sollten, machte eine adäquate Rekapitalisierung unmöglich.
Infolgedessen steckte das Finanzministerium unter Paulsons Nachfolger
Timothy Geithner die Ziele neu. Auf 275 Mrd. $ schätzte der Internationale Währungsfonds den Kapitalbedarf der Banken. Die berühmt-berüchtigten Stresstests des Finanzministeriums ergaben dagegen, dass nicht mehr als die 75 Mrd. $ nötig seien, die sich aus privaten Quellen auftreiben ließen.