David Gardner ist FT-Kolumnist. Lange Zeit diente die Türkei als Kommandozentrale für den Aufstand der Syrer gegen Baschar al-Assad. Das Land könnte sich aber verhoben haben: Den Türken wird plötzlich erschreckend deutlich, wie die Welt nach Assad aussehen könnte. An ihrer Südgrenze könnte eine weitere Kurdenregion entstehen - und das, obwohl Ankara weit entfernt davon ist, seine eigene Kurdenunruhen beizulegen.
Beschleunigt von den Rebellenoffensiven in Damaskus und Aleppo hat das Assad-Regime den Großteil seiner Truppen von der Grenze zur Türkei im Nordosten abgezogen. Syriens Kurden haben das entstandene Machtvakuum gefüllt, bis auf Kamischli weht über allen großen Städten der Region die kurdische Fahne.
Es sind die Demokratische Unionspartei (PYD) und der Kurdische Nationalrat (KNC), die die Macht übernehmen und erklären, die Region verwalte sich selbst.
Der KNC ist ein sehr heterogenes Bündnis aus über einem Dutzend Organisationen, von denen einige nur auf dem Papier zu existieren scheinen. Die PYD dagegen ist eine fest verwurzelte und disziplinierte Bewegung, Bündnispartner der Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Seit 1984 trägt die Türkei im Südosten und auch jenseits der Grenze in den Kandil-Bergen des Nordirak einen immer wieder unterbrochenen, aber erbitterten Kampf gegen die PKK aus. Über 40.000 Menschen sind dabei gestorben.
Ankara erlebt nun, dass sich ein PKK-Ableger ein Bollwerk im Norden Syriens erschafft. Das weckt das Gespenst einer Konföderation kurdischer Territorien. Für das türkische Establishment wirkt es wie die Geburt eines Kurdenstaats, der versuchen wird, sich Teile vom überwiegend von Kurden bewohnten Südosten des Landes zu sichern. "Wir werden nicht erlauben, dass eine Terrorgruppe Lager in Nordsyrien aufbaut und die Türkei bedroht", wetterte neulich Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan.
Lässt man Verfassungsscharaden außen vor, ist Präsident Assad nur in einem einzigen Fall konkret auf die Forderungen seiner Gegner eingegangen: Er hat rund einem Zehntel der 2,5 Millionen staatenlosen Kurden Syriens die Staatsbürgerschaft gewährt. Das Assad-Regime nahm auch seine Liebelei mit der PKK wieder auf. Das Verhältnis war 1998 abgebrochen worden, nachdem die Türkei Panzer an der Grenze auffahren ließ und Baschars Vater Hafis al-Assad dem mittlerweile im Gefängnis sitzenden PKK-Anführer Abdullah Öcalan die Unterstützung entzog.
Die neue Annäherung sollte die Kurden daran hindern, sich der Revolution anzuschließen, und die PKK - und in den Augen der Türken auch die PYD - sollte in den Kurdengebieten für Ordnung sorgen. Einige türkische Vertreter glauben, Damaskus habe seinen Rückzug mit der PYD abgestimmt. Dieser Verdacht wurde durch den Umstand bestärkt, dass der PKK viele syrische Kurden angehören, darunter auch der Oberkommandeur Fehman Hüseyin.
Für Ankara fast ebenso alarmierend ist die Rolle, die Massud Barsani in dieser Affäre gespielt hat, Präsident der Autonomen Region Kurdistan im Norden Iraks. Kurdistan schreitet innerhalb der losen und immer stärker zerfallenden Föderation Irak in Richtung De-facto-Selbstbestimmung und ist damit Leitstern für alle Kurden. Nirgendwo mehr als in der Region, die die Kurden als Westkurdistan bezeichnen, nämlich den syrischen Kurdengebieten.
Dabei hat Erdogan ein enges Verhältnis zu Barsani aufgebaut, den er als Mittelsmann bei der Kurdenfrage nutzt. Dafür war man sogar bereit, Bagdad zu verärgern, indem man mit der kurdischen Regionalregierung Abkommen unterzeichnete, per Pipeline Öl und Erdgas aus der umstrittenen Region Kirkuk an den türkischen Mittelmeerhafen Ceyhan zu transportieren.
Dennoch war es Barsani, der die Machtübernahme durch PYD und KNC aushandelte.
Ankaras Verhältnis zur kurdischen Regionalregierung wird nun davon bestimmt werden, wie man die Pläne des listigen Barsani für ein Großkurdistan einschätzt.
Die über Syrien, den Irak, den Iran und vor allem die Türkei verteilten Kurden waren die großen Verlierer, als nach dem Ersten Weltkrieg das Osmanische Reich aufgeteilt wurde. Grenzen wurden willkürlich von räuberischen europäischen Kolonialisten festgelegt, um Minderheiten in Syrien und Irak zu bevorzugen. Wenn diese Grenzen zerfallen, wird die Türkei sicherlich überzeugt sein, dass die Kurden die historische Gelegenheit nutzen wollen, um sich endlich einen eigenen Staat zu erschaffen. Wie sollte die Türkei darauf reagieren?
Die Versuchung wird groß sein, über die syrische Grenze zu stürmen. Aber die angemessene Reaktion bestünde darin, dass Erdogan die neue Verfassung, die er für die Türkei will, dazu nutzt, die Forderungen der Kurden nach kultureller Freiheit und einem gewissen Maß an Selbstverwaltung zu berücksichtigen.
Die neoislamistische Regierung Erdogan ist weiter als die Vorgänger dabei gegangen, die Beschwerden der Kurden abzustellen, aber das reicht nicht mehr aus.
"Die korrekte politische Antwort auf diese Bedrohung besteht darin, dass die türkische Politik endlich und dauerhaft das eigene Kurdenproblem löst", sagt Sinan Ülgen von der Istanbuler Denkfabrik Edam.
Die jüngsten Ereignisse um die Kurden sollten die Regierung zu einer radikalen Reformpolitik bewegen, wenn Ankara je sein Ziel erreichen wolle, "eine Regionalmacht zu sein, die an der Speerspitze der Entwicklungen steht", sagt Yavuz Baydar, ein prominenter türkischer Kommentator.
Für Erdogan war es ein guter Arabischer Frühling. Nun wird sich zeigen, ob er ihn verdient hatte.
Der Beitrag ist sehr gut,
ich würde noch hinzufügen, dass auch die Araber, Assyrer, Aramäer und Türkmenen in den von den Kurden überwiegend bewohnten Gebieten im gleichen Umfang die Ausübung ihrer kulturellen Rechte nicht beraubt werden. Ein weiterer Punkt der positiv hervorzuheben ist der, dass keine Konfessionsverfolgung bis jetzt stattgefunden haben, da alle mit an der Verwaltung beteiligt werden.