Die neue EU-Wertpapieraufsicht ESMA droht, den drei großen US-Ratingagenturen keine Zulassung zu erteilen, wenn sie sich nicht an die Regeln in Europa halten. "Wir sollten nicht blindlings das regulatorische System von Drittländern übernehmen", sagte Steven Maijoor, der Chef der Behörde, zur FTD.
Es war sein erstes Interview mit einer deutschsprachigen Zeitung seit seinem Amtsantritt im April. Die Europäer versuchen derzeit, sich mit eigenen Standards von den USA abzugrenzen, wo der Sitz der mächtigen Agenturen ist: Standard & Poor's, Moody's und Fitch teilen weltweit 95 Prozent des Marktes unter sich auf.
Wettlauf der Regulierer
Mit seiner Kritik markiert der 47-jährige ESMA-Chef den Machtanspruch seiner neuen europäischen Behörde im Regulierungswettlauf mit den USA. Um die Aufsicht über die Risikobewerter tobt derzeit ein heftiger transatlantischer Streit. Da in den USA die Auflagen für amerikanische Ratingagenturen noch nicht genau geregelt sind, will die ESMA das Aufsichtsregime nicht als "gleichwertig" anerkennen.
Zudem fordert sie von den US-Agenturen, dass sie - wie andere Mitbewerber - ausführliche Unterlagen einreichen müssen. Offensichtlich haben sich die Amerikaner darauf verlassen, dass sie als Marktführer automatisch in Europa zugelassen werden.
Maijoor kommt zugute, dass die Ratingagenturen derzeit in der Kritik stehen. Die Risikobewerter, die die Bonität von Firmen, Staaten und Finanzinstrumenten einschätzen, sind im Zuge der Finanzkrise heftig kritisiert worden: Viele ihrer Bewertungen haben sich als Fehleinschätzungen erwiesen.
Banken warnen
Am 7. Juli wird die ESMA alleiniger Aufseher über Ratingagenturen in Europa. Bislang waren nationale Behörden zuständig. Auch Agenturen aus Drittstaaten wie den USA werden von ihr lizenziert. Erst mit einer Lizenz können die Ratings in Europa genutzt werden.
Doch die US-Agenturen haben laut ESMA ungenügende Unterlagen vorgelegt. Deshalb wurde der Zulassungsprozess bereits um drei Monate verlängert. Gelingt auch nach den Übergangsfristen keine Einigung, hätte das zur Folge, dass europäische Banken und Versicherer in den USA erstellte Ratings von Moody's, Standard & Poor's und Fitch nicht mehr zur Ermittlung ihres aufsichtsrechtlich benötigten Kapitals benutzen könnten. Banken warnen, dass das einen zusätzlichen Kapitalbedarf von 10 Mrd. Euro zur Folge hätte. Experten gehen jedoch von einer Einigung aus.