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Merken   Drucken   24.06.2011, 21:46 Schriftgröße: AAA

Gejagter Nobelpreisträger: Mikrokredit-Erfinder Yunus fürchtet um sein Lebenswerk

Angefeindet, verklagt und aus dem Amt getrieben: Der Träger des Friedensnobelpreises hat viel verloren. Trotzdem gibt er nicht auf.
© Bild: 2010 Bloomberg
Angefeindet, verklagt und aus dem Amt getrieben: Der Träger des Friedensnobelpreises hat viel verloren. Trotzdem gibt er nicht auf. von Franziska Bulban
Eigentlich ist seine Schlacht geschlagen. Muhammad Yunus  trat im Mai als Direktor seiner eigenen Mikrokredit-Bank zurück. Die Zentralbank in Bangladesh hatte ihm dem Posten entzogen. Die offizielle Begründung: Er habe die amtlich genehmigte Altersgrenze überschritten. Yunus klagte gegen die Entscheidung, doch beim Obersten Gericht in Bangladesch fand er keine Unterstützung.
97 Prozent der Mikrokreditempfänger von Grameen sind Frauen   97 Prozent der Mikrokreditempfänger von Grameen sind Frauen
Seither ist es still geworden um die Grameen-Bank und ihren Gründer. Dabei protestierten internationale Beobachter gegen die Absetzung. Politiker wie US-Außenministerin Hillary Clinton oder der Ex-Weltbankchef James Wolfensohn sagten, die Entlassung sei politisch motiviert und solle die Macht der Grameen-Bank schwächen.
Besonders die Regierungschefin Bangladeschs, Hasina Wajed, soll den Nobelpreisträger als Bedrohung empfunden haben. 2007 kündigte Yunus an, eine eigene Partei zu gründen. Obwohl er den Gedanken wenige Monate später verwarf, blieben viele Politiker misstrauisch. Kein Wunder: 8,36 Millionen Bangladescher haben nach Angaben der Grameen-Bank derzeit einen Mikrokredit bei dem Institut - 8,36 Millionen über das Land verteilte potentielle Wähler. Außerdem gilt der 71-Jährige dank dem Friedensnobelpreis bei vielen als eine Art Volksheld. Yunus ist auf der Welt bekannt und gut vernetzt, seine Konzepte werden international diskutiert. Doch all das hat ihm nicht geholfen, seinen Posten zu behalten.
Trotzdem schweigt Yunus zu den Spekulationen rund um seine Absetzung. Es gibt genug aktuelle Probleme, die ihn empören. "Die Regierung versucht jetzt die Statuten der Grameen-Bank zu ändern, um ihren Einfluss auszuweiten", sagte er in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" am Freitag. Die möglichen Folgen bezeichnete er als Desaster. "Meine Idee ginge verloren, alles fiele auseinander. Es wäre nicht mehr die Bank, die den Friedensnobelpreis bekam." Auch um die sozialen Partnerunternehmen sorgt sich Yunus. Er hat mit Danone Joghurt für Unterernährte entwickelt und mit BASF Moskitonetze verteilt. "Alle Kooperationen tragen den Namen Grameen - und die Regierung ist der Ansicht, folglich gehörten sie zur Bank. Das stimmt nicht, sie sind rechtlich unabhängig, haben andere Ziele. Es ist schrecklich zu sehen, wie die Dinge zu zerfallen drohen, die ich aufgebaut habe."
Die Dinge zerfallen aber nicht nur wegen des Einflusses der Regierung in Dhaka. Mittlerweile wurde das gesamte Konzept der Mikrokredite in Frage gestellt. Besonders in Indien gerieten es in Verruf, nach dem verschuldete Frauen sich selbst angezündet hatten. Yunus forderte damals eine stärkere Kontrolle des Mikrokreditmarktes und verwies darauf, dass jede gute Idee auch schlecht umgesetzt werden könne. "Wer reich wird, weil er armen Menschen Geld leiht, ist ein Ausbeuter. Ein Kreditnehmer bei Grameen, der erkrankt, muss seine Raten beispielsweise nicht fristgerecht zurückzahlen." sagte Yunus am Freitag im Interview.
Auch gegen die Gamreen-Bank selbst häuften sich Anschuldigungen. In einem Dokumentarfilm wurde unterstellt, sie habe Geld zweckentfremdet - Vorwürfe, die sich später als haltlos erwiesen. Den Ruf des Wundermittels gegen Armut haben die Kleinstdarlehen trotzdem nicht mehr. Die Gerüchte und Probleme haben die Mikrokredite entzaubert.
Vielleicht kämpft Muhammad Yunus auch deshalb weiter, ficht die Pläne der Regierung an, plant, seine Ideen in anderen Ländern zu verbreiten. Es geht nicht mehr um seine Position. Aber um seinen Ruf und seine Idee.
  • FTD.de, 24.06.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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