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Merken   Drucken   01.06.2004, 20:40 Schriftgröße: AAA

Ghasi Al-Jawar: Wunschkandidat der Iraker

Der irakische Regierungsrat hat seinen Favoriten für das Amt des Präsidenten durchgedrückt: den 46-jährigen Sunniten Ghasi al-Jawar. Den USA ist er wegen seiner scharfen Kritik alles andere als genehm. von Bettina Seidl
Ghasi Maschal Adschil al-Jawer   Ghasi Maschal Adschil al-Jawer
Einen zumindest halbdemokratischen Prozess hatten sich die Iraker für die Wahl ihres Staatsoberhauptes gewünscht. Doch was sich stattdessen hinter den Kulissen zur Ernennung des künftigen Übergangspräsidenten des Irak abspielte, glich dem Handel auf einem arabischen Basar: ein zwei Tage währendes Kräftemessen zwischen USA, UNO und irakischem Regierungsrat. Sieger wurde schließlich Ghasi Maschal Adschil al-Jawar, der Favorit des Regierungsrates.
Ursprünglich hatte der von den Amerikanern favorisierte Kandidat Adnan Padschadschi das Amt übernehmen sollen. Doch nur wenige Minuten vor seiner geplanten Ernennung verzichtete der frühere Außenminister - "aus persönlichen Gründen", wie er nebulös verkündete. Aus Kreisen des Rates verlautet jedoch, er habe abgelehnt, weil die Mehrheit des 22 Mitglieder umfassenden Regierungsrates hinter ihrem Vorsitzenden al-Jawar stehe.
Der als politisch eher farblos geltende al-Jawar, wie Padschadschi ein Sunnit, ist Chef der El Schammar, einer der größten Stämme in der Golfregion. Er genießt die Unterstützung sowohl der schiitischen als auch der kurdischen Bevölkerung. Der 46-jährige Bauingenieur, der in den USA und Saudi-Arabien studiert hat, arbeitete 15 Jahre lang als Geschäftsmann in Saudi-Arabien. Erst im vergangenen Juni war er nach Irak zurückgekehrt.
Kontroverse Forderungen
Die USA hatten sich gegen die Ernennung al-Jawars heftig gesträubt, nachdem dieser den UNO-Resolutionsentwurf der Amerikaner und Briten scharf kritisiert hatte. Seiner Ansicht nach gebe er den Irakern zu wenig Mitbestimmungsrechte über den Einsatz der US-geführten Besatzungssoldaten. Er forderte die schnelle, vollständige Übergabe der Souveränität an Iraker, die Kontrolle über die Sicherheitskräfte und die Ölindustrie. Unmittelbar nach seiner Berufung erneuerte der 46-Jährige, der stets in traditioneller arabischer Kleidung auftritt, seine Forderung: "Wir Iraker freuen uns darauf, dass der UNO-Sicherheitsrat uns in einer Resolution die volle Souveränität garantiert", sagte er in einer Pressekonferenz. Das ermögliche den Aufbau eines demokratischen und föderal vereinten Irak.
Al-Jawar überließ auf der Pressekonferenz umgehend dem designierten Ministerpräsidenten Ijad Allawi die Bühne. Damit demonstrierte er, wer künftig das Sagen hat. Denn als Präsident wird al-Jawar vorwiegend repräsentative Aufgaben wahrnehmen, ganz anders als Saddam Hussein, der in den 30 Jahren seiner Herrschaft eine Marionetten-Regierung befehligte.
Wer allerdings künftig die Zügel in der Hand halten wird, bleibt eine offene Frage. Niemand scheint momentan in der Lage zu sein, die täglichen Anschläge zu stoppen.
  • FTD, 01.06.2004
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