Es ist ein weiter Weg von den Bars und Klubs im Osten Londons bis an die syrische Front. Abu Jakub ist ihn gegangen. Rüde Etablissements waren Abu Jakubs Leben, bis er ins Gefängnis kam und dort den Islam entdeckte. Vor fünf Jahren ist er vom Christentum zum Islam konvertiert. Jetzt kämpft Abu Jakub - der Vater Jakobs, wie er sich nennen lässt - in Aleppo, der derzeit am heftigsten umkämpften Stadt im syrischen Bürgerkrieg. "Ich bleibe, bis ich sterbe", sagt er. "Jede Seele sollte vom Tod kosten."
Im dem Viertel Salahadin erkämpfen die Rebellen sich gerade Straße um Straße zurück, und im Norden der Stadt bereitet sich die syrische Armee auf einen Gegenschlag vor. In einem zerbeulten Pick-up mit zersplitterten Scheiben holt Abu Jakub einen verwundeten Mitkämpfer aus einem provisorischen Krankenhaus nahe der Front ab: Hassan, ein Iraker, der in Göteborg gewohnt hat. Die beiden sprechen Englisch miteinander. Sie wollen zurück zu ihrer Einheit. Hassan hat keine schwere Verletzung, eine Schusswunde am Bein.
Die Szene entspricht der Propaganda des Regimes von Präsident Baschar al-Assad, die den Aufstand als Verschwörung ausländischer und terroristischer Kräfte bezeichnet. Doch es mischen sich so gut wie keine ausländischen Kämpfer unter die Rebelleneinheiten der Freien Syrischen Armee. Inzwischen aber gibt es tatsächlich Dschihadisten aus dem Ausland, die als eigenständige Einheiten im Kampf gegen die Regierungstruppen mitmischen oder sich radikalen Gruppen angeschlossen haben.
Zuerst waren es Extremisten aus dem Irak und Afghanistan, dann ist Syrien zum Anziehungspunkt für islamische Glaubenskrieger aus aller Welt geworden. Erst am Mittwoch meldete die islamistische Website Kavkaz Center, dass Rustam Gelajew, Sohn des tschetschenischen Rebellenführers Ruslan Gelajew, in Syrien getötet wurde.
Es klingt ziemlich ernst, wenn Abu Jakub gegenüber Reportern, die zufällig seinen Weg kreuzen, zur Begrüßung scherzt: "Wenn du heute ein Foto von mir machst, bist du morgen tot." Er ist Anfang 20, dunkelhäutig und spricht das Straßenenglisch, das man im Osten Londons oft hört - mit einem Einschlag von Gangster-Rap. Er will keine Details aus seinem Leben nennen, weder sein Alter noch seinen richtigen Namen. Fragen danach beantwortet er mit: "Nur Allah weiß es." Was seine Mutter davon denkt, dass er jetzt hier ist? "Der ist das egal. Der ist alles egal."
Mitte Juli wurden zwei Journalisten von ausländischen Kämpfern in der Provinz Idlib gefangen genommen. Sie haben sie bedroht, zum Islam zu konvertieren. Erst nach einer Woche und einem gescheiterten Fluchtversuch konnten Kämpfer der Freien Syrischen Armee die beiden Journalisten befreien. Die Entführer sollen auch mit Londoner Akzent gesprochen haben. Zur gleichen Zeit sind Korrespondenten an der türkischen Grenze zu Syrien auf Pakistaner aus London gestoßen, die mit einem oppositionellen syrischen Arzt unterwegs waren, der Nachschub zu den Aufständischen schmuggelt.
Abu Jakub hilft seinem verwundeten Mitkämpfer aus dem überfüllten Krankenhaus in den Pick-up. Sie machen sich zur Abfahrt bereit. Auf der Ladefläche beklagt sich Abu Jakub bei dem Iraker auf dem Beifahrersitz über die ausländischen Journalisten. Wenn sie zu viele Details über ihn wüssten, würde der Weg über die Türkei nach Syrien schwierig, glaubt er. Die Fragen, die ihm gestellt werden, hält er ohnehin für naiv: "Man muss schon dumm sein, um zu glauben, dass hier nur Syrer kämpfen", behauptet er gegenüber seinem Mitkämpfer. Abu Jakub kämpft in den Reihen von Ahrar al-Scham, den Freien Männern Syriens, einer salafistischen Gruppierung. Und ein Kommandeur der islamistischen Dschabhat al-Nusra, sagt, dass unter seinen Leuten auch Marokkaner, Libyer und Libanesen sind.
Der Pick-up rast davon. Im Vorbeifahren droht Abu Jakub noch: "Du solltest Muslim werden!" Es geht ins Gefecht. Die Front ist zu hören.