Im Februar beschließt Edenhofer, das Chaos selbst aufzuräumen, schreibt Gastbeiträge und gibt Interviews. Er kritisiert die nachlässige Recherche im letzten Klimabericht: die nicht überprüfte Quelle zum Gletscherschwund, die 2035 mit 2350 verwechselte; die dramatisierte Darstellung der Ernteeinbußen in Afrika; die viel zu lange Zeit, die es dauert, bis der Rat die Fehler einräumt.
Ein paar Fehler auf 3000 Seiten, so könnte man das auch abtun. Aber für Edenhofer geht das Problem tiefer: "Die Fehler sind ärgerlich und hätten nicht passieren dürfen. Aber aufgeregt haben sich die Leute, weil sie den Eindruck hatten, da erlaube sich eine Schicht von Wissenschaftlern, anderen ihr Verhalten vorzuschreiben." Die Klimawissenschaft riecht nach Klimadiktatur, das ist die Diagnose.
Der Verdacht wissenschaftlicher Schludrigkeit lässt sich relativ leicht ausräumen. Sechs unabhängige Institute überprüfen die Arbeit des IPCC, ohne größere Beanstandungen. Die internationale Dachorganisation der Wissenschaftsakademien bestätigt im August die hohe Qualität der Arbeit, mahnt jedoch zu schnellerer Kommunikation und mehr Transparenz.
Schwieriger wird es, das Verhältnis der Forscher zur Politik zu klären. Bislang war es so, dass die Wissenschaftler erst untereinander und am Ende mit den Regierungen den Forschungsstand aushandelten. "Das Ergebnis", sagt Edenhofer, "war ein Konsens mit einer falschen Eindeutigkeit." Mit einem einfachen Rezept, das sich viele Politiker so sehr von der Wissenschaft wünschen. "Aber Wissenschaftler dürfen sich nicht in die Rolle von Ersatzpolitikern drängen lassen", sagt Edenhofer.
Beim nächsten großen Klimabericht, der 2014 erscheinen soll, kann er es besser machen. Edenhofer leitet die Arbeitsgruppe drei, die für die Vermeidung von Treibhausgasen zuständig ist. Seine Idee ist, Szenarien zu entwickeln. "Es gibt nicht einen Weg zum Klimaschutz, es gibt mehrere", sagt er. "Und jeder Weg hat eigene Risiken." Es soll ein Kernkraft-Szenario geben, eins für den Ausbau der Öko-Energien - und sogar ein Szenario, das Eingriffe in die Atmosphäre vorsieht. "Man muss Geo-Engineering nicht gut finden", sagt Edenhofer. "Aber man muss es darstellen - inklusive Nebenwirkungen."
Die Abwägung, welcher Weg am Ende der beste ist, will er den Politikern überlassen. Das ist Edenhofers Weg, die Glaubwürdigkeit seiner Wissenschaft zu retten.
Doch jetzt muss erst der Sonderbericht zur Rolle der erneuerbaren Energien raus - ein zehn Zentimeter hoher Ordner, der auf Edenhofers Schreibtisch liegt. Zum Entwurf sind 3500 Kommentare von Kollegen aus aller Welt eingegangen. Eigentlich sollte der Bericht schon veröffentlicht sein. Aber Edenhofer hat das verzögert. Er will jetzt besonders sorgfältig sein.