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Merken   Drucken   02.12.2010, 11:07 Schriftgröße: AAA

"Gletschergate": Die Rettung der Klimaretter

Nach dem PR-Desaster um die Himalaja-Gletscher vor einem Jahr muss der Weltklimarat seine Glaubwürdigkeit reparieren. An vorderster Front kämpft mit Ottmar Edenhofer ein deutscher Ökonom. Sein Rezept: Politikverbot für Wissenschaftler. von Nikolai Fichtner  Berlin
Es ist jetzt ein Jahr her, dass das Unheil seinen Lauf nahm, zunächst ganz langsam und unerkannt. Ein indischer Wissenschaftler veröffentlichte Messungen von den Himalaja-Gletschern. Sein Ergebnis: Der Weltklimarat IPCC irrt, die Gletscher werden nicht wie prognostiziert bis 2035 wegschmelzen. Kurz darauf kritisiert IPCC-Chef Rajendra Pachauri, die Veröffentlichung sei nicht ernst zu nehmen, weil sie nicht begutachtet sei. "Voodoo-Wissenschaft", befindet Pachauri. Erst als die Medien Wochen später groß vom "Gletschergate" berichten, hält er es für nötig, sich die Fakten noch einmal anzusehen.
Früher Jesuit, jetzt Ökonom und der mögliche Heiland des ...   Früher Jesuit, jetzt Ökonom und der mögliche Heiland des Weltklimarates IPCC: Ottmar Edenhofer
Ottmar Edenhofer ist telefonisch zugeschaltet, als Pachauri die leitenden Wissenschaftler des IPCC am 20. Januar endlich zur Krisenkonferenz bittet. Zwei Stunden dauert die Debatte. Das Ergebnis ist ein dürres Bedauern in einer einseitigen Erklärung. Edenhofer will schon damals mehr.
Edenhofer ist ein ernsthafter Mensch - Ökonom, Philosoph und früher mal Jesuit. An der Tafel in seinem Potsdamer Büro stehen mathematische Formeln, im wandhohen Regal findet man auch Bücher von Kritikern des Klima-Mainstreams. Der 49-Jährige hat nichts gegen Streit. Er glaubt sogar daran, dass Wissenschaftler einen gemeinsamen Sachstand finden können, wenn sie lange genug streiten. Edenhofer redet viel mit Politikern, aber er will keiner sein. Das unterscheidet ihn von Pachauri, der mehr als Klima-Missionar denn als Wissenschaftler durch die Welt fliegt. Dass Pachauri der anschwellenden Kritik aus dem Weg geht, wird langsam gefährlich.
Denn der Weltklimarat ist die Quelle des Klimaschutzes. Ohne seine global akzeptierten Erkenntnisse wüssten die zuständigen Politiker nicht, worüber sie reden sollen. Das macht ihn auch zum lohnenden Ziel der Skeptiker. Verliert der IPCC seine Glaubwürdigkeit, ist auch die Klimapolitik gefährdet.
Im Februar beschließt Edenhofer, das Chaos selbst aufzuräumen, schreibt Gastbeiträge und gibt Interviews. Er kritisiert die nachlässige Recherche im letzten Klimabericht: die nicht überprüfte Quelle zum Gletscherschwund, die 2035 mit 2350 verwechselte; die dramatisierte Darstellung der Ernteeinbußen in Afrika; die viel zu lange Zeit, die es dauert, bis der Rat die Fehler einräumt.
Ein paar Fehler auf 3000 Seiten, so könnte man das auch abtun. Aber für Edenhofer geht das Problem tiefer: "Die Fehler sind ärgerlich und hätten nicht passieren dürfen. Aber aufgeregt haben sich die Leute, weil sie den Eindruck hatten, da erlaube sich eine Schicht von Wissenschaftlern, anderen ihr Verhalten vorzuschreiben." Die Klimawissenschaft riecht nach Klimadiktatur, das ist die Diagnose.
Der Verdacht wissenschaftlicher Schludrigkeit lässt sich relativ leicht ausräumen. Sechs unabhängige Institute überprüfen die Arbeit des IPCC, ohne größere Beanstandungen. Die internationale Dachorganisation der Wissenschaftsakademien bestätigt im August die hohe Qualität der Arbeit, mahnt jedoch zu schnellerer Kommunikation und mehr Transparenz.
Schwieriger wird es, das Verhältnis der Forscher zur Politik zu klären. Bislang war es so, dass die Wissenschaftler erst untereinander und am Ende mit den Regierungen den Forschungsstand aushandelten. "Das Ergebnis", sagt Edenhofer, "war ein Konsens mit einer falschen Eindeutigkeit." Mit einem einfachen Rezept, das sich viele Politiker so sehr von der Wissenschaft wünschen. "Aber Wissenschaftler dürfen sich nicht in die Rolle von Ersatzpolitikern drängen lassen", sagt Edenhofer.
Beim nächsten großen Klimabericht, der 2014 erscheinen soll, kann er es besser machen. Edenhofer leitet die Arbeitsgruppe drei, die für die Vermeidung von Treibhausgasen zuständig ist. Seine Idee ist, Szenarien zu entwickeln. "Es gibt nicht einen Weg zum Klimaschutz, es gibt mehrere", sagt er. "Und jeder Weg hat eigene Risiken." Es soll ein Kernkraft-Szenario geben, eins für den Ausbau der Öko-Energien - und sogar ein Szenario, das Eingriffe in die Atmosphäre vorsieht. "Man muss Geo-Engineering nicht gut finden", sagt Edenhofer. "Aber man muss es darstellen - inklusive Nebenwirkungen."
Die Abwägung, welcher Weg am Ende der beste ist, will er den Politikern überlassen. Das ist Edenhofers Weg, die Glaubwürdigkeit seiner Wissenschaft zu retten.
Doch jetzt muss erst der Sonderbericht zur Rolle der erneuerbaren Energien raus - ein zehn Zentimeter hoher Ordner, der auf Edenhofers Schreibtisch liegt. Zum Entwurf sind 3500 Kommentare von Kollegen aus aller Welt eingegangen. Eigentlich sollte der Bericht schon veröffentlicht sein. Aber Edenhofer hat das verzögert. Er will jetzt besonders sorgfältig sein.
  • Aus der FTD vom 02.12.2010
    © 2010 Financial Times Deutschland,
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