Gefährdet ist auch der Beginn des für am Montag geplanten Wahlparteitags der amerikanischen Republikaner in St. Paul im Bundesstaat Minnesota. Am Sonntag war noch unklar, ob die Nominierung von Kandidat John McCain verschoben werden muss. US-Präsident George W. Bush und sein Vize Dick Cheney sagten ihre für Montag geplanten Auftritte in St. Paul ab, ebenso die Gouverneure aus den möglicherweise vom Sturm betroffenen Bundesstaaten. Sie alle wollen ihren Einsatz bei der Katastrophenhilfe demonstrieren.
Am Sonntag begann die Zwangsevakuierung von New Orleans auf Anordnung von Bürgermeister Ray Nagin. Insgesamt waren zuvor bereits eine Million Küstenbewohner nach Norden ins Landesinnere geflohen. Für Montagmittag Ortszeit wird erwartet, dass der Sturm auf das vor drei Jahren durch den Hurrikan "Katrina" verwüstete New Orleans trifft.
"Gustav" hatte am Sonntag den Westteil der Insel Kuba erreicht und dort in weiten Landstrichen für Verwüstungen gesorgt. In der größten Stadt der Region, Pinar del Rio, und auf der Kuba südlich vorgelagerten Insel Isla de la Juventud wurden Autos durch die Luft gewirbelt, Häuser zerstört und Bäume entwurzelt. Neue Berichte über Tote gab es nicht. Insgesamt fielen Gustav bisher 81 Menschen zum Opfer. Über Land schwächte sich "Gustav" ab und wurde von der zweithöchsten Kategorie 4 auf die Kategorie 3 herabgestuft.
Auf seinem Weg zur US-Küste wird der Hurrikan nach Vorhersagen über dem Golf von Mexiko wieder an Intensität zunehmen und mit Windgeschwindigkeiten von über 200 Stundenkilometern auf das Festland zustürmen. Meteorologen fürchten, dass "Gustav" westlich an New Orleans vorbeiziehen und die Stadt mit seiner besonders gefährlichen östlichen Flanke treffen könnte. Der sich gegen den Uhrzeigersinn drehende Wirbelsturm würde dann sehr viel mehr Wasser in die Stadt schaufeln, als wenn er - wie "Katrina" 1995 - östlich an ihr vorbeiziehen würde.
Bürgermeister Nagin nannte "Gustav" bereits die "Mutter aller Stürme". Er verhängte eine Ausgangssperre während der Dunkelheit, um Plünderungen zu verhindern. Polizei und Nationalgarde würden jeden festnehmen, der nachts angetroffen werde. Damit versuchte Nagin, Bürger zu beruhigen, die aus Angst vor Plünderern ihre Wohnungen nicht verlassen wollen.
Nach dem katastrophalen Versagen bei "Katrina" stehen Politiker und Rettungskräfte in den nächsten Tagen vor einer besonderen Bewährungsprobe. Vor drei Jahren gab es keine vollständige Evakuierung der Stadt, aber auch keine Unterkünfte für die Flüchtlinge. Zehntausende, die sich retten konnten, lebten für Tage zusammengepfercht im Baseball-Stadion Superdome, während in den Straßen Anarchie ausbrach. Notfallpläne existierten nicht oder waren widersprüchlich, zwischen Bundesbehörden und den Verantwortlichen der Bundesstaaten und der Kommunen kam es nur selten zu einem koordinierten Vorgehen.
In Erinnerung blieb auch, wie Bush sich das Desaster aus seinem Dienst-Jumbo von oben ansah. Jetzt sagte Heimatschutzminister Michael Cherkoff: "Es ist keine Frage, dass wir besser arbeiten als bei ,Katrina‘." Der Hurrikan bedroht auch Tausende von Öl- und Gasförderstätten sowie die petrochemische Industrie an der US-Küste, die als das Herzstück der US-Energieindustrie mit der höchsten Konzentration von Raffinerien und petrochemischen Anlagen gilt. Das Unternehmen Valero Energy erklärte, es habe seine Raffinerie in St. Charles im Bundesstaat Louisiana bereits heruntergefahren und sei dabei, den Betrieb zu evakuieren.
Nach Angaben des amerikanischen Energie-Informationsdienstes Rigzone sind bis Sonntag bereits mehr als 223 der 717 fest verankerten Bohrinseln geräumt worden. Von den 121 beweglichen Bohrtürmen mussten 45 geschlossen werden. Mit rund 1,3 Millionen Barrel (159 Liter) Erdöl täglich wird in der Region ein Viertel des amerikanischen Öls gefördert. Beim Hurrikan "Katrina" musste 2005 die Produktion zu 95 Prozent eingestellt werden. Die Preise schossen daraufhin in die Höhe.
Mit dpa