EU und USA konkurrieren um Investitionen aus der Volksrepublik. Nun zieht der alte Kontinent den Amerikanern davon.
von Georg FahrionBerlin
und Sabine MuscatWashington
Zwei Tête-à-têtes zwischen den drei größten Wirtschaftsmächten der Erde an einem Tag: Während Chinas künftiger starker Mann Xi Jinping am Dienstag Barack Obama in Washington seine Aufwartung machte, empfing in Peking Premier Wen Jiabao den EU-Kommissionspräsidenten José Manuel Barroso und weitere europäische Spitzenpolitiker zum EU-China-Gipfel. Hüben wie drüben geht es auch darum, dass der Westen etwas abhaben möchte von Chinas Wirtschaftswunder - und im Rennen um chinesische Investitionen gibt es einen vorläufigen Sieger: nämlich Europa.
Chinesische Direktinvestitionen in der EU
Chinas Unternehmen machen sich erst seit Mitte des vergangenen Jahrzehnts verstärkt ins Ausland auf. Investierten sie zunächst vor allem in Rohstoffprojekte in Entwicklungs- und Schwellenländern, gehen sie seit Beginn der globalen Wirtschaftskrise auch in den entwickelten Volkswirtschaften auf Shoppingtour. China will die Wertschöpfungskette hinaufklettern, braucht daher mehr gut ausgebildete Fachkräfte, Forschung und starke Marken - Ziele, die erreicht werden können, indem man sich bei westlichen Firmen einkauft. Die krisengeschüttelten Volkswirtschaften in den USA und Europa können ihrerseits Chinas Geld gut gebrauchen.
Und bei den chinesischen Auslandsdirektinvestitionen (FDI) hat die EU die Nase vorn. Laut der New Yorker Beratungsfirma Rhodium Group lag der FDI-Gesamtbestand bis 2010 in den USA und der EU mit je rund 12 Mrd. Dollar etwa gleichauf - rechnet man die 14 Mrd. Dollar heraus, die der Aluminiumhersteller Chinalco 2008 für Anteile des an der Londoner Börse notierten Bergbauriesen Rio Tinto ausgab. Europa verzeichnete aber mit mehr als 500 Einzelprojekten viel mehr als die USA, wo bisher nur etwa 260 Deals getätigt wurden.
Die größten chinesischen Dirtektinvestitionen in der EU nach Ländern
Im letzten Jahr ist Europa davongezogen: "2011 gab es einige große Deals, die die EU nach oben gehievt haben", sagt Thilo Hanemann, Forschungsdirektor der Rhodium Group. So übernahm der chinesische PC-Hersteller Lenovo die Mehrheit an dem Aldi-Lieferanten Medion; Chinas Staatsfonds CIC kaufte sich für 2,3 Mrd. Euro bei Gaz de France Suez ein. Dazu kamen weitere Milliardendeals in europäischen Ländern wie Norwegen oder der Schweiz, die keine EU-Mitglieder sind. "Das Investitionsvolumen in der EU hat sich nach den neuesten Zahlen gegenüber dem Vorjahr auf etwa 9 Mrd. Dollar verdreifacht", sagte Hanemann. "In den USA ist es dagegen bei etwa 4 bis 5 Mrd. Dollar in etwa gleich geblieben."
Das gewachsene Europa-Engagement der Chinesen liegt zum einen an der besonderen Situation in der EU: Aufgrund der Schuldenkrise müssen viele Regierungen Privatisierungen vorantreiben, auch klamme Firmen brauchen frisches Kapital. Europa hat aber auch anzubieten, was Chinas Unternehmen suchen: "Dadurch, dass die Industrie dort noch stärker ist als in den USA, ist die EU für chinesische Investoren interessanter", sagt Hanemann. Zudem werde das hiesige Investitionsklima von den Chinesen als freundlicher empfunden.
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