FTD.de » Politik » International » Eine Stadt verzockt sich

Merken   Drucken   12.04.2008, 11:00 Schriftgröße: AAA

Jefferson County: Eine Stadt verzockt sich

Ein neues Abwassersystem kann eine feine Sache sein - wenn es nicht mit Anleihen finanziert wird, die in den Sog der globalen Finanzkrise geraten. Das bekommen die Einwohner von Jefferson County im US-Bundesstaat Alabama nun zu spüren. von Kai Makus (Hamburg)
Die Stahlkrise der 70er- und 80er-Jahre hat Birmingham ganz gut überstanden. Angesichts der hohen Weltmarktpreise für den Werkstoff haben US-Branchengrößen wie US Steel  oder Nucor  in den vergangenen Jahren Investitionen in neue Anlagen an Standorten im Bundesstaat Alabama in dreistelliger Millionenhöhe angekündigt. Bereits zuvor hatte sich die Stadt bemüht, die lokale Wirtschaft zu diversifizieren - mit Erfolg: Birmingham gilt inzwischen als eines der wichtigsten Wirtschaftszentren im Südosten der Vereinigten Staaten.
Und doch geht es der Gemeinde Jefferson County, zu der die Großstadt gehört, derzeit nicht besser als vielen US-Bürgern mit eher geringen Einkommen: Die Kommune steht vor der Pleite. Es könnte die größte in der US-Geschichte werden.
Vom Ramsch zum Ausfall
Kursinformationen und Charts
  UNITED STATES STEEL CORP. 31,01 USD  [0.07 +0,23%
   [ %
  •  
  • blättern

Das liegt nicht daran, dass die Ratingagentur Standard & Poor's die Bonität von Jefferson County nunmehr mit "D" bewertet - was den Ausfall der Darlehensrückzahlungen anzeigt. Anleihen der Gemeinde hatten bereits zuvor mit "CCC" Ramschstatus. Vielmehr stecken die Probleme der US-Anleiheversicherer dahinter, die vor einigen Wochen weltweit die Aktienmärkte belasteten, weil auch ihre Ratings heruntergestuft worden waren.
Der Ärger begann Mitte der 90er-Jahre. Nach schweren Regenfällen liefen die Abwässerkanäle in und um Birmingham regelmäßig über, die trübe Brühe floss ungeklärt in den Black Warrior River und den Cahaba-Fluss. Ein Gericht ordnete an, das Problem müsse beseitigt werden. Die Kosten schulterte der Magistrat von Jefferson mithilfe einer Anleihe im Volumen von 300 Mio $.
Manhattan war der Geburtsort vieler innovativer Finanzprodukte   Manhattan war der Geburtsort vieler innovativer Finanzprodukte
Die Magie der Wall Street
Dann brach die Wall Street über die Stahlstadt im Süden herein - in Person von Charles LeCroy. Er arbeitet damals, im Jahr 2002, für die New Yorker Bank JP Morgan  und schilderte den Mächtigen der Stadt die Magie der Finanzwelt, mit deren Hilfe sie die Last für ihre Steuerzahler erleichtern könnten. Und das Zauberwort hieß variable statt fester Zinssätze. LeCroy muss durchaus das Risiko eines solchen Wechsels geschildert haben - denn er empfahl den lokalen Politikern zugleich, sich über Zinsswaps abzusichern.
Bei einem solchen Geschäft wetten die beiden Partner auf einen Zinssatz zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Zukunft. Dabei legt eine Partei im voraus einen Zinssatz fest, für die andere gilt ein anderer Satz, der meist dem Interbankensatz zu der in dem Deal vereinbarten Zeit entspricht. Das Risiko besteht darin, dass einer der Partner die Differenz nicht begleichen kann. Dass genau das in Jefferson passierte, liegt an den Verwerfungen durch die Finanzkrise.

Teil 2: 99 Prozent nicht verstanden

  • FTD.de, 12.04.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland,
Jetzt bewerten
Bookmarken   Drucken   Senden   Leserbrief schreiben   Fehler melden  

Den Parameter für die jeweilige Rubrik anpassen: @videoList
  • Wulff-Affäre: Menschen im Hotel

    Die Vorwürfe gegen Bundespräsident Wulff grenzten zuletzt ans Lächerliche, die neuen tun es nicht: Sie legen den Verdacht einer Vorteilsnahme nahe. Es könnte eng werden. mehr

  •  
  • blättern
Tweets von FTD.de Politik-News

Weitere Tweets von FTD.de

FTD-Wirtschaftswunder Weitere FTD-Blogs

alle FTD-Blogs

Newsletter:   Newsletter: Eilmeldungen Politik

Ob Regierungsauflösung oder Umfragehoch für die Linkspartei - erfahren Sie wichtige Politik-Nachrichten, sobald sie uns erreichen.

Beispiel   |   Datenschutz
 



DEUTSCHLAND

mehr Deutschland

EUROPA

mehr Europa

INTERNATIONAL

mehr International

KONJUNKTUR

mehr Konjunktur

 
© 1999 - 2012 Financial Times Deutschland
Aktuelle Nachrichten über Wirtschaft, Politik, Finanzen und Börsen

Börsen- und Finanzmarktdaten:
Bereitstellung der Kurs- und Marktinformationen erfolgt durch die Interactive Data Managed Solutions AG. Es wird keine Haftung für die Richtigkeit der Angaben übernommen!

Über FTD.de | Impressum | Datenschutz | Disclaimer | Mediadaten | E-Mail an FTD | Sitemap | Hilfe | Archiv
Mit ICRA gekennzeichnet

VW | Siemens | Apple | Gold | MBA | Business English | IQ-Test | Gehaltsrechner | Festgeld-Vergleich | Erbschaftssteuer
G+J Glossar
Partner-Angebote