John Edwards, Kandidat für den US-Vizepräsidenten
John Edwards steht seit Monaten ganz oben auf der Liste möglicher Vizekandidaten für den Präsidentschaftsbewerber John Kerry. Schon während des Vorwahlkampfes im Frühjahr, als sich der 51-jährige Südstaatler noch selbst um das höchste Amt bewarb und im Bundesstaat Iowa einen starken zweiten Platz erreichte, musste sich Edwards dauernd der Frage erwehren, ob er nicht auch als Kerrys "Running Mate" zur Verfügung stünde. "Ich habe kein Interesse an der Vizepräsidentschaft", lautete damals seine Standardantwort.
Dass das nicht ernst gemeint war, zeigte sich schnell. Nachdem Edwards, der seit 1998 den Bundesstaat North Carolina im US-Senat vertritt, nur in South Carolina einen Vorwahlsieg einfahren konnte, schied er aus dem Rennen aus. Er begann jedoch sofort, sich als Vize zu empfehlen. Der ehemalige Anwalt, der mit Schadensersatzklagen gegen Unternehmen reich geworden ist, warf sich mit Schwung in den Wahlkampf für Kerry und sammelte bei Veranstaltungen Millionen.
Für den großen Kampf gegen Präsident George W. Bush und dessen Vize Dick Cheney bringt Edwards zwei Dinge mit. Erstens: Er stammt aus dem Süden. In dieser traditionell konservativen Region hat Kerry es als Senator aus dem liberalen Nordosten der USA schwer. Edwards könnte ihm helfen, den Republikanern den einen oder anderen Südstaat wegzunehmen. Zweitens: Edwards ist ein ausgezeichneter Wahlkämpfer. Im Vorwahlkampf lieferte er die besten Auftritte. Obwohl er der einzige Kandidat war, der auch in ländlichen Regionen immer mit Schlips und Anzug auftrat - nicht wie seine Rivalen in karierten Flanellhemden -, begeisterte er. Im Vergleich zu Edwards, der fast wie ein Rockstar auf die Bühne stürmte, sahen seine innerparteilichen Rivalen alt aus. Dass der smarte Kandidat einen Schlag bei Frauen hat, soll zusätzlich Wählerinnen für das Team Kerry/Edwards gewinnen.
Edwards setzte im Vorwahlkampf auf eine populistische Wahlbotschaft. Unermüdlich wiederholte er seine Brandrede über die soziale Schere: "Es gibt zwei Amerikas, eines für die Reichen und eines für die Armen." Umfragen zufolge erreichte der vierfache Vater damit vor allem Wechselwähler der Mittelklasse - eine möglicherweise wahlentscheidende Gruppe.
Anders als Kerry, der in das elitäre Ostküstenestablishment hineingeboren wurde, kann Edwards glaubwürdig über solche sozialen Themen reden. Sein Vater war ein Textilarbeiter im Süden, er selbst der Erste aus seiner Familie, der eine Universität besucht hat.