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Merken   Drucken   18.03.2008, 21:12 Schriftgröße: AAA

Jubel für die treue Partnerin Merkel

Kanzlerin Merkel hat sich im Atomstreit mit Iran deutlicher als je zuvor auf die Seite Israels gestellt. Aber nur die Israelis deuten an, dass das auch Krieg heißen könnte.
von Peter Ehrlich (Jerusalem)

Dalia Itzik tut alles, um für die richtige emotionale Stimmung zu sorgen. Die Präsidentin der Knesset, des israelischen Parlaments, hat Opfer eingeladen. Opfer der Shoa, der Judenvernichtung durch Nazi-Deutschland. Verwandte von Opfern des arabischen Angriffs auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München. Eltern eines Jungen, der kürzlich von einer Kassam-Rakete aus dem Gaza-Streifen schwer verletzt wurde, und Angehörige der entführten Soldaten Ehud Goldwasser und Eldad Regev.

Die unmissverständliche Botschaft heißt, dass Israel nie wieder Opfer werden darf. Itzik wünscht sich von Merkel in dieser ungewöhnlichen Sitzung der Knesset, dass sie "uns die Hand zur Hilfe reicht" und alles tut, um einen befürchteten Angriff des Iran auf Israel zu verhindern. Der Wunsch nach Solidarität in der Auseinandersetzung mit dem Staat, dessen Präsident Mahmud Ahmadinedschad die Vernichtung Israels öffentlich verlangt hat, durchzieht auch die Reden von Ministerpräsident Ehud Olmert und Oppositionsführer Benjamin Netanjahu.

Israelische Abgeordnete würdigen die Rede Angela Merkels vor der ...   Israelische Abgeordnete würdigen die Rede Angela Merkels vor der Knesset mit stehenden Ovationen

Hohe Erwartungen erfüllt

Merkel erfüllt die hohen Erwartungen. Zwar vermeidet sie in Ihrer Rede sorgfältig Sätze, die über bisherige Erklärungen hinausgehen. Aber die Kombination der Aussagen ist die Botschaft. Sie spricht davon, dass es "verheerende Folgen" hätte, wenn Iran in den Besitz von Atomwaffen käme. Iran müsse die Welt überzeugen, dass es keine Atombombe wolle. Und weiter: "Gerade an dieser Stelle sage ich ausdrücklich: Jede Bundesregierung und jeder Bundeskanzler vor mir waren der besonderen historischen Verantwortung Deutschlands für die Sicherheit Israels verpflichtet." Dies sei Teil der deutschen Staatsräson. "Das heißt, die Sicherheit Israels ist für mich als deutsche Bundeskanzlerin niemals verhandelbar. Und wenn das so ist, dann dürfen das in der Stunde der Bewährung keine leeren Worte bleiben."

Netanjahu greift dies auf. Anders als vor 70 Jahren verfügten die Juden heute über eine Armee. Falls Irans Atomprogramm nicht anders aufzuhalten sei, komme die Zeit für militärische Aktionen. Führungspersönlichkeiten wie Merkel müssten ihren Völkern die Wahrheit sagen.

Auch wenn Merkel nach allem anderen der Sinn steht, als Militärschläge gegen Iran zu unterstützen, ist die Ausgangslage doch eine ganz andere als vor dem Irak-Krieg. Damals ging es nicht um eine konkrete Bedrohung Israels. In der Iran-Frage wird Israel nach diesem Besuch ein anderes Verhalten erwarten, falls das näher rücken sollte, was auch in der Knesset keiner beim Namen nennt: Krieg. Merkel weiß, dass die Menschen in Deutschland und Europa an diesem Punkt anderer Meinung sind. Sie zitiert selbst eine Umfrage, nach der in Europa Israel stärker als Gefahr für den Frieden gesehen wird als der Iran. Dieser Stimmung nachzugeben, wäre aber "fatal", sagt sie.

Die Worte der Unterstützung für Israel fallen so klar aus, dass sich am Ende die Abgeordneten aller Fraktionen erheben und Beifall klatschen, ebenso Präsident Schimon Peres auf der Ehrentribüne. Beifall gibt es auch schon nach den ersten Sätzen, als Merkel mit einigen hebräischen Worten beginnt. Da ist die Kritik daran, dass sie ansonsten deutsch redet, endgültig wie weggeblasen. Am Ende wünscht sie dann noch "mazel tov", herzlichen Glückwunsch zum 60. Jahrestag der Gründung Israels. "Deutschland wird Israel nie allein lassen, sondern treuer Partner und Freund sein", heißt der letzte auf Deutsch gesprochene Satz.

Bei so viel Worten, die den Israelis gefallen, geht fast unter, dass Merkel zum Friedensprozess nicht nur von der Hamas verlangt, keine Raketen mehr auf Israel zu schießen. Wenn die Vision von zwei Staaten verwirklicht werden solle, bedürfe es auch der Kraft zu "schmerzhaften Zugeständnissen". Kurz vorher hat Merkel von Vertretern der christlichen Kirchen gehört, dass viele Christen aus Jerusalem wegziehen, weil sie nicht mehr an den Frieden glauben. Damit verliert die Stadt, die Zentrum für drei Weltreligionen ist, zunehmend ihre palästinensische Mittelschicht. Der evangelische Propst Uwe Gräbe spürt eine "ungute Spannung" zwischen den Volksgruppen in der Stadt. Jerusalem ist nun einmal, so sagt es auch Merkel, der "komplizierteste Konflikt" der Welt. Dennoch hat sie sich mitten hinein begeben.

  • Aus der FTD vom 19.03.2008
    © 2008 Financial Times Deutschland
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