| Steven Hill ist Autor von "Europe's Promise: Why the European Way Is the Best Hope in an Insecure Age" und "10 Steps to Repair American Democracy". |
Ökonomen brauchen weltweit bessere Methoden, um die wirtschaftliche Aktivität zu messen. Da sie sich zur Bewertung der ökonomischen Gesundheit auf Wachstumsraten des Bruttoinlandsprodukts (BIP) stützen, übersahen beinahe alle Wirtschaftsexperten die Warnsignale der Finanzkrise 2008. Gemeinsam mit privaten Haushalten, Finanzinstitutionen, Investoren und Regierungen ließen sich die Ökonomen in die Finanzeuphorie hineinziehen, die zu übermäßiger Risikobereitschaft und massiver Überschuldung von Banken und Haushalten führte. Sogar die makroökonomischen Ungleichgewichte der Euro-Zone blieben größtenteils unbemerkt.
Auch die Schätzungen hinsichtlich der Arbeitslosigkeit sind bemerkenswert irreführend - ein ernsthaftes Problem angesichts der Tatsache, dass die Arbeitslosigkeit gemeinsam mit den BIP-Indikatoren einen so großen Teil der wirtschaftspolitischen Debatte beherrscht. Eine haarsträubend hohe Jugendarbeitslosigkeit - angeblich fast 50 Prozent in Spanien und Griechenland sowie über 20 Prozent in der gesamten Euro-Zone - macht jeden Tag Schlagzeilen. Allerdings resultieren diese Zahlen aus einer fehlerhaften Methodik, wodurch die Situation viel schlimmer erscheint, als sie ist.
Das Problem hat seinen Ursprung in der Berechnung der Arbeitslosigkeit: Die Arbeitslosenrate bei Erwachsenen wird bestimmt, indem man die Zahl der Arbeitslosen durch die Anzahl aller Arbeitskräfte dividiert. Wenn also die Zahl der Arbeitskräfte 200 beträgt und 20 Personen arbeitslos sind, liegt die Arbeitslosenrate bei zehn Prozent.
Allerdings werden Millionen junger Menschen, die eine Universität besuchen oder eine Berufsausbildung absolvieren, nicht als Arbeitskräfte betrachtet, weil sie weder arbeiten noch einen Job suchen. Bei der Berechnung der Jugendarbeitslosigkeit wird also die gleiche Zahl arbeitsloser Personen durch eine viel kleinere Anzahl an Arbeitskräften dividiert, wodurch die Arbeitslosenrate viel höher erscheint.
Nehmen wir an, dass 150 von 200 Personen Vollzeitstudierende an einer Universität werden. Es bleiben also nur 50 Personen als Arbeitskräfte übrig. Obwohl die Anzahl der Arbeitslosen weiterhin bei 20 liegt, vervierfacht sich die Arbeitslosenrate auf 40 Prozent. Das perverse Resultat dieser Arbeitslosenzählung ist, dass die Jugendarbeitslosigkeit stärker ansteigt, je mehr junge Menschen studieren oder eine Berufsausbildung absolvieren.
Während also die Jugendarbeitslosigkeit mit Standard-Messverfahren übertrieben hoch ausfällt, wird die Arbeitslosigkeit unter Erwachsenen untertrieben, weil diejenigen, die ihre Arbeitssuche aufgegeben haben, nicht als Arbeitslose auftreten. Da die Zahl derartiger "entmutigter Arbeitnehmer" in der Großen Rezession ansteigt, scheinen die Arbeitslosenraten unter Erwachsenen zu sinken - wodurch ein verzerrtes Bild der Realität entsteht.
Glücklicherweise steht aber eine bessere Methode zur Verfügung: Die Jugendarbeitslosenquote - die Zahl arbeitsloser Jugendlicher im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung im Alter zwischen 16 und 24 Jahren - ist ein weit aussagekräftigerer Indikator als die Jugendarbeitslosenrate.
Eurostat, die Statistikbehörde der EU, berechnet die Jugendarbeitslosigkeit nach beiden Methoden, aber weithin berichtet wird trotz der großen Diskrepanzen nur über die Angaben nach der fehlerhaften Methode. So lässt beispielsweise die spanische Jugendarbeitslosenrate von 48,9 Prozent auf schlechtere Bedingungen für junge Menschen schließen als die Arbeitslosenquote von 19 Prozent. Ebenso beträgt die Jugendarbeitslosenrate in Griechenland 49,3 Prozent, obwohl die entsprechende Jugendarbeitslosenquote bei nur 13 Prozent liegt. Und die Jugendarbeitslosenrate der gesamten Euro-Zone von 20,8 Prozent liegt weit über der Arbeitslosenquote unter jungen Menschen von 8,7 Prozent.
Natürlich ist eine Jugendarbeitslosenquote von 13 oder 19 Prozent kein Grund zur Selbstzufriedenheit. Aber obwohl die Jugendarbeitslosenrate in der Euro-Zone seit 2009 angestiegen ist, blieb die Jugendarbeitslosenquote gleich (wenn auch beide Werte wesentlich über den Niveaus der Jahre vor 2008 liegen).
Während der Studentenproteste des Jahres 2006 in Frankreich erschien die Jugendarbeitslosenrate von 22 Prozent ungünstig im Vergleich zu Großbritannien, den USA und Deutschland, wo die entsprechenden Werte bei elf, zwölf beziehungsweise 13 Prozent lagen. Aber die "Financial Times" zeigte auf, dass nur 7,8 Prozent der jungen Franzosen unter 25 tatsächlich arbeitslos waren - also eine Jugendarbeitslosenquote wie in den anderen drei Ländern vorlag. In Frankreich studierte einfach ein höherer Prozentsatz junger Menschen.
Und obwohl manche junge Menschen höhere Bildung anstreben, um einem schwierigen Arbeitsmarkt zu entkommen, sollte ihre Entscheidung, sich neue Kompetenzen anzueignen, keine negativen Auswirkungen auf die Beurteilung der wirtschaftlichen Gesundheit ihres Landes haben.
Natürlich müssen politische Entscheidungsträger sich dem Problem der Jugendarbeitslosigkeit widmen. Aber sie müssen auch erkennen, dass dieses Problem nicht so gravierend ist, wie es die Schlagzeilen glauben machen. Unglücklicherweise sind diese verzerrten Resultate schon zur gängigen Meinung geworden - die sogar schon von renommierten Ökonomen wie dem Nobelpreisträger Paul Krugman vertreten wird, der sich jüngst auf die fehlerhafte 50-Prozent-Jugendarbeitslosigkeit bezog. Vier Jahre nach dem Ausbruch der Krise bleiben die Methoden zur Beurteilung wirtschaftlicher Gesundheit also erschreckend unzulänglich. Wie jeder Pilot weiß, endet ein Flug ohne Radar oder genaue Wettervorhersagen womöglich mit einem Absturz.
20% haben nie zu meinen Vor-Ort-Eindruck gepasst. Und Statistiken glaube ich schon spätestens seit den (Banken-)Rettungs-Schirmen nicht mehr. Aber die Dreistigkeit mit der bewußt die falschen Zahlen weitergegeben werden - und nur die - erschüttert mich doch noch etwas. Man glaubt ja so lang als möglich an das Gute und wird doch wieder enttäuscht....