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Merken   Drucken   21.01.2012, 10:00 Schriftgröße: AAA

Kampf gegen Assad: Drei Schicksale syrischer Flüchtlinge

In einer türkischen Kleinstadt haben Flüchtlinge aus Syrien eine vorübergehende Bleibe gefunden. Ein Ex-Oberst der syrischen Armee, ein Ladenbesitzer und ein Student erzählen, was sie erlebt haben.
© Bild: 2012 FTD/Jörn Petring
In einer türkischen Kleinstadt haben Flüchtlinge aus Syrien eine vorübergehende Bleibe gefunden. Ein Ex-Oberst der syrischen Armee, ein Ladenbesitzer und ein Student erzählen, was sie erlebt haben. von Jörn Petring, Yayladagi
Weil sich die Lage in ihrem Land von Tag zu Tag verschlimmert, strömen unentwegt Syrer über die Grenze und retten sich in Flüchtlingslager. Eines befindet sich in der türkischen Kleinstadt Yayladagi.
Die Sicht auf die Zeltstadt ist an vielen Stellen mit blauen Plastikplanen versperrt. Wer versucht, sich durch den Zaun mit Bewohnern zu unterhalten, wird von Polizisten zurückgewiesen. Anders sieht es im Dorfzentrum aus, wo sich die Flüchtlinge frei bewegen, im Teehaus treffen und ihre Geschichten austauschen. Wer ihnen zuhört, bekommt einen Eindruck davon, wie brutal die syrische Regierung tatsächlich gegen Demonstranten vorgeht. Und immer willkürlicher tötet. Drei Schicksale:
diente über 20 Jahre in der syrischen Armee, bis er sich entschloss zu desertieren. Als die Unruhen im Frühling 2011 begannen, schickte das Oberkommando den 40 Jahre alten Oberst mit 400 Männern in die Protesthochburg Homs. Ahmed sollte Demonstranten auseinadertreiben und sie festhalten.
An einem Morgen im Mai kam der neue Befehl: Es soll scharf geschossen werden. Auf alle, die demonstrieren, hieß es. Ahmed sprach nach dem Frühstück zu seinen Männer: Ich habe den Befehl erhalten, Syrer zu töten. Aber ich werde das nicht machen. Ich werde den Dienst quittieren und von heute an den Demonstranten helfen. Wer mich unterstützt, soll mir folgen.
Abo Ahmed, Oberst der Freien Syrischen Armee (l.), mit einem seiner ...   Abo Ahmed, Oberst der Freien Syrischen Armee (l.), mit einem seiner Wachmänner (M.) und Ladenbesitzer Jamiel Hamsho in einem Teehaus in Yayladagi
Viele gingen ohne zu zögern mit Ahmed. Ein anderer rief, die Verräter sollen sterben, und feuerte eine Salve mit seinem Maschinengewehr in die Rücken der Männer. Danach kämpfen die Soldaten, die eben noch Seite an Seite geschlafen und gegessen hatten. Über eine Stunde ging das Gefecht. Am Ende lagen 70 Leichen auf der Straße. Mit 50 Männern setzte sich Ahmed ab. Zuerst nach Latakia, einer Stadt im Nordwesten von Syrien, dann über die Grenze in die Türkei, wo Ahmed zu einem Führer der Freien Syrischen Armee wurde.
Zwischen 20000 und 30000 desertierte Soldaten sollen sich der Gruppe mittlerweile angeschlossen haben. Ahmed sagt, es wollen mehr mitmachen. Viele Soldaten haben Angst um ihre Familien. Sie fürchten, das zuerst ihre Angehörigen bestraft werden, wenn sie die Armee verlassen, sagt Ahmed. Eine Stunde nimmt er sich Zeit, um seine Geschichte zu erzählen, dann muss er weiter. In der Nacht will er mit Männern durch den dichten Wald zurück über die Grenze nach Syrien. Eine Operation durchführen, sagt er.
lebt seit vier Monaten in dem Camp in Yayladagi. Auf die Frage, ob er Menschen hat sterben sehen, lächelt der 35-Jährigen sarkastisch. Bei 100 Leichen habe er aufgehört zu zählen, sagt er.
Hamsho kommt aus Latakia und hat dort als Gemüsehändler gearbeitet. Als Hamsho sah, wie ein Soldat ein zweijähriges Mädchen auf der Straße erschoss, wusste er, dass die Situation aussichtslos ist und floh über die Grenze. Hamsho zeigt auf seinem Handy ein Video. Zu sehen ist ein Mann, der beladen mit einer Reisetasche eine Straße entlanggeht. Plötzlich fällt er leblos zu Boden. Hamsho sagt, der Mann sei syrischer Flüchtling und hätte grade türkischen Boden betreten. Da habe ihn ein Scharfschütze aus Syrien erschossen.
Tötungskommandos auf Lastwagen
Hamsho deutet mit dem Zeigefinger auf seinen Kehlkopf, dann auf die Stirn und auf die Schläfe. Die Schüsse seien immer gezielt, sagt er. Hamsho spricht täglich über Skype mit Demonstranten in Homs. Vor ein paar Tagen hat er sich der Freien Syrischen Armee angeschlossen. Wenn es sein muss, wird er kämpfen, sagt er.
Am Straßenrand hält der Laster einer Baufirma. Arbeiter springen von der Ladefläche. Hamsho dreht sich erschrocken um. Die Szene erinnert ihn an Latakia, wo die Tötungskommandos der Geheimpolizei mit ähnlichen Fahrzeugen unterwegs sind.
will nur seinen Vornamen nennen. Der 28-Jährige lebt nicht mit den anderen im Camp. Er hat genug Geld, um in einem Hotel in der nächst größeren Stadt Antakya zu leben. Seit Dezember wartet er dort auf Papiere von der kanadischen Botschaft in Syrien.
Anis will nach Toronto und dort in Zukunft arbeiten. Nach Syrien kann der ehemalige Student, der sein Wirtschaftsstudium vor einem Jahr in Aleppo abgeschlossen hat, nicht mehr. Für Anis begann der Protest mit einem Eintrag auf seiner Facebook-Pinnwand. Er schrieb über die ökonomische Situation im Land. Es ging um Vetternwirtschaft und den Verfall der syrischen Währung. Anis schrieb, alle großen Unternehmen im Land würden Rami Makhlouf, einem Cousin des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad gehören. Das würde den Wettbewerb behindern und die syrische Wirtschaft ruinieren.
Zuerst lasen die Zeilen die 100 Leute, mit denen Anis auf Facebook befreundet ist. Danach dauerte es zehn Tage, bis er in einem Internetcafe in Aleppo verhaftet wurde. 10 Tage musste Anis ins Gefängnis. Ein fünf Sterne Knast, sagt er, mit Essen und ohne Folter.
Nach seiner Freilassung demonstrierte er und wurde wieder ins Gefängnis gesteckt. Dieses mal zertrümmerten sie sein linkes Knie. Nach drei Wochen kam er wieder frei und ging zur Grenze. Für 1000 US-Dollar ließ ihn der Grenzsoldat passieren. Seitdem warten er in der Türkei. Immer wieder erreichen ihn Schreckensmeldungen aus der Heimat. Innerhalb von fünf Tagen starb zuerst sein bester Freund Jamal, dann zwei andere Bekannte. Anis weinte eine Woche.
  • FTD.de, 21.01.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland,
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