Ich lebe schuldenfrei, und bisher ging es mir gut damit. Doch in Amerika habe ich mit diesem Lebenswandel ein Problem. Einer wie mir traut man hier nicht über den Weg. Einen Kredit für ein Haus oder ein Auto würde ich niemals bekommen. Wer keine Schulden hat, kann nicht beweisen, dass er sie zurückzahlen könnte, wenn er welche hätte. Er verstößt gegen das oberste Gebot der Konsumgesellschaft: Du sollst dich verschulden!
Und so führe ich ein Leben im Schatten. "Sie müssen eine Kreditgeschichte aufbauen", sagte die Bankberaterin. Denn ohne Kreditgeschichte bekommt man keinen Kredit. Wie also komme ich an Schulden? Mein Kaufhaus wusste die Antwort. Wenn ich dort mit einer Kundenkreditkarte zahle, bekomme ich sogar einen Rabatt auf die eingekaufte Ware. Ich kaufte zwei Bettlaken und hatte endlich Schulden. Wie ein echter Amerikaner.
Das Kaufhaus schickte nie eine Rechnung für meine Kundenkartenzahlung. Als ich nachfragte, erfuhr ich, dass schon längst Überziehungszinsen angefallen seien. Ich fragte eine Verkäuferin um Rat: "Um Himmels willen, ich benutze diese Karte nie!", schrie sie. "Begleichen Sie hier und jetzt Ihre Schulden samt Zinsen. Die steigen sonst immer weiter und Sie können nichts tun."
Ich befolgte ihren Rat und fügte hinzu, dass ich mein Kaufhaus-Konto bei dieser Gelegenheit gerne wieder schließen würde. "Schließen Sie das Konto nicht!", rief die Verkäuferin mit Panik in der Stimme. Wer eine Kreditkarte schließen lässt, erregt einen schlimmen Verdacht: Dass er sich die Karte nicht mehr leisten kann.
Ich wundere mich nicht mehr über die Kreditkrise in den USA, sagte ich empört. Ich könne nun verstehen, wie Menschen an Hauskredite geraten seien, deren Bedingungen sie nicht verstehen. Das sei doch nicht gerecht. Die Verkäuferin blickte mir fest in die Augen: "Wenn ein Angebot zu gut klingt, um wahr zu sein, dann ist es wahrscheinlich zu gut, um wahr zu sein. Schon mein Vater hat immer gesagt: Das Leben ist nicht gerecht."