Beim Klimaschutz-Gipfel geht es nur vordergründig ums Klima - verhandelt wird vor allem über die Verteilung von aktuellem und künftigen Wohlstand. FTD.de zeigt Gewinner und Verlierer der Klimaökonomie in einer Serie
Erwartungen schüren, Pokerkarten halten, auf dem Fußboden schlafen - die besten Tricks für Diplomaten, Lobbyisten und Aktivisten.
von Nikolai Fichtner
Es ist "die wichtigste Wirtschaftskonferenz unserer Zeit". So sieht es Umweltminister Norbert Röttgen, der zum ersten Mal auf einen Klimagipfel fährt. Erfahrene Kollegen wissen: Internationale Klimaverhandlungen sind vor allem eins: ein Dschungel.
In Kopenhagen wird er so unübersichtlich sein wie noch nie. 9000 Delegierte, 5000 Journalisten, 4000 Lobbyisten. "Ab 18.000 Teilnehmern wird das Kongresszentrum von der Polizei geschlossen", warnt ein Sprecher des Klimasekretariats. Das Chaos verteilt sich auf Dutzende Verhandlungsräume, 240 Begleitveranstaltungen und 190 Ausstellungen. Die FTD hat die wichtigsten Konferenztipps zusammengestellt.
Reden Sie nie vom Scheitern! Die wichtigste Voraussetzung für einen Erfolg ist, dass die Bevölkerung ihn erwartet. Nur dann kann es wirklich peinlich werden für die Politiker. Erhöhen Sie also den Druck! Machen Sie es so wie Röttgen oder Greenpeace: Sprechen Sie von "Erfolgschancen". Sie sind enttäuscht, dass es in Kopenhagen keinen Vertrag geben wird? Reden Sie nicht drüber, erwarten Sie lieber öffentlich einen Abschluss im nächsten Halbjahr.
Gehen Sie ansonsten mit gutem Beispiel voran: Reisen Sie mit der Bahn an und erwähnen Sie es später beiläufig. Beachten Sie auch den Hinweis in der Konferenzbroschüre: Essen Sie in den Pausen Gemüse statt Fleisch. Das stärkt die Verhandlungsposition.
Heben Sie sich ihre Kraft bis zum Schluss auf! Verausgaben Sie sich nicht in den ersten zehn Tagen der Konferenz und gehen Sie rechtzeitig schlafen. Denn entschieden wird erst am letzten Abend, vielleicht auch erst am Morgen danach. Heben Sie sich zwei Zugeständnisse bis zum Ende auf, etwas CO2 und eine größere Geldsumme.
Die Einkaufsstraße Amagertorv in Kopenhagen, Dänemark
Damit sind Sie auch in der Schlussphase noch am Pokertisch gefragt. Wenn ihnen schlechte Presse nichts ausmacht, machen Sie es wie Russland und nennen erst kurz vor Schluss den Preis, zu dem Sie sich ihre Zustimmung abkaufen lassen.
Wenn Sie aus einem armen Land kommen, trinken Sie viel Kaffee. Sie müssen auch dann wach bleiben, wenn die reichen Kollegen mit den großen Delegationen sich gegenseitig ablösen. Denken Sie für alle Fälle daran, einen dicken Pulli und ein Kopfkissen mitzunehmen. Dann können Sie auf dem Fußboden schlafen. Wenn Sie eine große Delegation haben, lernen Sie von den Chinesen oder von Angela Merkel: Warten Sie ab, bis ihre Verhandlungspartner langsam wegdösen und machen Sie dann erst Ihren Kompromissvorschlag. Wenn Sie Englisch können und kleine Länder über den Tisch ziehen wollen, starten Sie nach 18 Uhr. Dann machen die Dolmetscher Feierabend.
Schicken Sie Ihre besten Leute, die anderen tun es auch! Mit Referenten kommen Sie in Kopenhagen nicht weiter, wenn Sie beachtet werden wollen. Siemens, BASF, RWE und Eon schicken schließlich auch ihre CEOs persönlich. Wenn Ihr Chef international nicht vorzeigbar ist, gleichen Sie das durch externe Promis oder opulente Empfänge aus.
Das Engagement könnte sich lohnen. Schließlich geht es um Milliarden, und die Entwürfe sind, anders als geplant, noch längst nicht fertig geschrieben. Wenn Sie zu den Bremsern gehören, passen Sie auf: Jeden Abend wird das "Fossil des Tages" gekürt, das könnte peinlich werden. Wenn Sie Klimaschützer sind, drohen Sie mit der Öffentlichkeit. Es sind ja genug Journalisten da.
Passen Sie auf sich auf! Die dänische Polizei hat aufgerüstet. Auch Sitzblockaden sollen mit Gefängnis bestraft werden können. Wenn Sie die klassische Massenveranstaltung mögen, besuchen Sie die Großdemo am 12. Dezember, da werden 30.000 Menschen erwartet. Daneben gibt es eine Aktivistengruppe, die zwar keine Akkreditierung hat, aber am 16. Dezember trotzdem die Konferenz besuchen will.
Wenn Sie dazugehören, sollten Sie wissen: Die Polizei hat eigens eine ausgediente Lagerhalle freigeräumt, als Riesenknast. Immerhin könnten Sie so Ihr Übernachtungsproblem lösen. In ganz Kopenhagen und Umgebung gibt es nämlich keine freien Hotelzimmer mehr.
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