Auf der großen Digitaluhr im Verhandlungssaal läuft die Zeit rückwärts: 115 Tage - so viel Zeit bleibt noch bis zum Uno-Klimagipfel in Kopenhagen. Das ist nicht viel, Diplomatie ist ein langsames Geschäft.
Der Mann, der die verlorene Zeit wieder aufholen soll, heißt Michael Cutajar, trägt einen weißen Vollbart und keinen Schlips. "Michael", wie alle hier den Malteser nennen, führt die Verhandlungen. Eine seiner wichtigsten Eigenschaften ist Geduld, das könnte das Klima am Ende retten. Gerade hat sich der Vertreter von Saudi-Arabien gemeldet. Es geht um die Frage, wer mit welchem Recht wie viel kürzen darf an den 200 Seiten Vertragstext, den die meisten hier nur als unverständliches "Monster" bezeichnen.
Der Araber sagt, man solle beim Kürzen bitte aufpassen, dass bloß keine Ideen verloren gingen. Michael sagt "Thank you, Saudi-Arabia". Und seine Stimme klingt auch dann nicht gereizt, als er, drei längere Beiträge später, sagt: "Natürlich können wir unsere knappe Zeit dazu nutzen, darüber zu reden, wie wir sie nutzen wollen."
2000 Delegierte aus mehr als 180 Ländern sind nach Bonn gekommen. Viele, weil sie am Klimavertrag von Kopenhagen mitarbeiten wollen. Und manche, um zu bremsen. Die Ölstaaten hätten am liebsten gar keinen Klimaschutz. Alternativ verlangen sie eine Entschädigung, weil es mit mehr Klimaschutz ja auch weniger Petrodollar gibt.
Natürlich sind es am Ende die Politiker, die über das Abkommen entscheiden. Aber das geht nur dann, wenn die Beamten die Vorarbeiten erledigt haben: Wenn aus 200 Seiten Vertragstext 30 geworden sind, und aus 100 strittigen Punkten fünf - die noch dazu so klar sein müssen, dass ein Minister sie verstehen kann.
Bis dahin muss Cutajar es schaffen, alle einzubeziehen, und trotzdem zu führen. Darum ist das, was diese Woche in den Bonner Verhandlungssälen passiert, mehr Psychologie als Politik: Jedes Land soll sich im Vertragsentwurf wiederfinden, von A wie Afghanistan bis Z wie Zypern. Darum werden alle Vorschläge aufgenommen, auch die doppelten und schlecht geschriebenen. Schwierig wird es erst beim Kürzen.