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Merken   Drucken   03.09.2009, 18:13 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Fricke - Kein Geld ist auch keine Lösung  

Unter Küchenökonomen spukt die Prophezeiung herum, die nächste Finanzblase sei schon auf dem Weg. Möglich. Nur ist das kein Grund, von Notenbankern höhere Zinsen zu verlangen. Sondern eher ganz rabiat neue Instrumente. von Thomas Fricke 
Für Freunde überschaubarer Weltbilder geht die Krise so: Da war einmal ein unverantwortlicher Notenbanker, der die Zinsen ungehörig niedrig hielt, worauf alle sich hoch verschuldeten, weil ja Kredite kaum was kosteten. Dazu kam noch die Gier. Und schon war die Krise da. Fertig. Entsprechend einfach wäre die Lösung: Nie wieder Greenspan. Nie wieder Gier. Und die Welt ist schön.
Furchtbar scheint da, was gerade passiert. Stimmt die simple Erklärung, würden die Notenbanken versuchen, den Fehler mit dem gleichen Fehler zu beheben. Die Zinsen sind wieder niedrig, und selbst Europas sonst so strenge Zentralbank will daran vorerst nichts ändern. Wo doch hohe Zinsen dafür sorgen müssten, dass nie mehr Kredit aufgenommen wird.
Klingt märchenhaft. Könnte allerdings sein, dass die Krisenerklärung ebenso einfach wie absurd ist. Stimmt sie nicht, könnte die plumpe Umkehr der Niedrigzinspolitik ins nächste Desaster führen. Und die Lehre aus der Krise läge eher darin, dass Notenbanker künftig auf Vermögens- oder Kreditblasen achten sollten, dafür aber neue Instrumente brauchen, die geeigneter sind als zweifelhaft wirkende Zinsen.
Natürlich spricht einiges dafür, dass niedrige Zinsen in den USA die Aufnahme von Immobilienkrediten nach 2002 erleichtert und den Boom verstärkt haben. Nur begann der Boom erstens schon vorher. Und zweitens ist damit noch nicht gesagt, was die Notenbanken daraus lernen sollten. Es ist ja nicht so, als hätte es damals keinen Grund gegeben, mit Zinserhöhungen zu warten.
Nach Umfragen gab es in der Industrie anhaltende Absturzangst. Die Inflation sackte weltweit auf Rekordtief. Und selbst spätere Greenspan-Kritiker wie der heute viel zitierte Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), William White, schrieben ganze Kapitel über ernste Deflationsgefahr. Im BIZ-Jahresbericht gab es Mitte 2003 an keiner Stelle die Empfehlung, Zinsen anzuheben.
  • Aus der FTD vom 04.09.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 06.09.2009 07:23:30 Uhr   Andreas Heil: @monetäres Phänomen

    Nichts beschweigt die "konventionelle" VWL so beredt, wie die monetären Phänomene, insbesondere dort, wo es um die Pfeiler geht, auf denen ihre Gedankengebäude in Frieden ruhen.

    Was ist denn überhaupt Geld ?

    Die meisten Lehrbücher schwadronieren mehr oder weniger drauf los, nennen Bargeld (gesetzliches Zahlungsmittel), streifen die Fristenkonzepte (M2, M3, etc.), erwähnen Spielregeln von Zentralbanken und erklären Geldschöpfung nicht falsch, aber doch so irreführend, dass der geneigte Leser hinterher irgendwas in sich stimmiges glaubt, aber doch nichts versteht. Klar, die Grundfrage wird ja auch nicht geklärt: Was ist Geld ?

    Dies ist übrigens keine Polemik, prüfen Sie die Behauptung.

    Ausnahmsweise möchte ich an dieser Stelle auf den Kaufmann Silvio Gesell verweisen, der zwar viel Unsinn produziert hat, aber diesen einen Punkt wohl so treffend wie möglich mit der "reinen Essenz" benannt hat.

    In der Tat geht es beim Wesen des Geldes und seinen verschiedenen Funktionen für die Realwirtschaft, die Koordination, die Steuerung, die Weitergabe von Erwartungen, die Information über Knappheiten, dem Vorsorge- oder Spekulationsmedium im Kern um die "reine Essenz". Kurz und in eigenen Worten: Um die Eignung irgendeines (!) Mediums für den jeweiligen Verwendungszweck, den der/die Marktteilnehmer gerade im Moment beabsichtigt/-tigen. Die "reine Essenz" kann man bei Transaktionen ungefähr mit dem Tauschwert charakterisieren, aber auch mit den weiteren Attributen, die dem jeweiligen Medium hierfür anhaften. Beispiel: Für kleinere und kurzfristige Nichtpräsenzgeschäfte hält man einen Posten „Giralgeld“ (lediglich eine teilbesicherte Forderung – ohne hinreichend Haftungskapital – gegen ein beliebiges Kreditinstitut) vor. Für mittelfristige Transaktionen „parkt“ man gerne „Termingeld“ oder „Tagesgeld“ (ebenfalls nur eine Forderung, auch kein (!) gesetzliches Zahlungsmittel, aber zinsbehaftet), etc.

    Dies passt noch halbwegs zu Lehrbuchkonzepten. Verschwiegen wird dort allerdings, dass das Fristencharakteristikum nur ein sehr schwaches ist, denn weder die Intention des Forderungshalters ist bekannt oder unveränderlich, weder sind die Fristen für ihn wirklich bindend, noch frei von Nebenabreden (bspw. Sicherungsvereinbarungen) und diese sind zudem nur den Vertragskontrahenten bekannt. Mehr noch: Jedes Wertpapier, das in liquiden Märkten gehandelt wird, besitzt auch eine erhebliche Geldanalogie (solange der jeweilige Markt liquide bleibt) und im weiteren Sinne ist sogar jede Form von Eigentumsrechten durch Beleihung und nachfolgende Geldschöpfung der Geschäftsbank in Kaufkraft verwandelbar.

    Denken Sie über die Implikationen nach, dann staunen Sie, warum die Zentralbanken einerseits Taylorregel und Co. auf den Müllhaufen der Geschichte befördert haben und dennoch mit „unorthodoxen“ Wertpapierankäufen wenig richtig machen.

    Beste Grüße
    Andreas Heil

  • 06.09.2009 06:20:08 Uhr   Andreas Heil: Von Zinsen, Sparen und Investitionen
  • 05.09.2009 18:28:45 Uhr   Günther Mohr: Realistische Werte
  • 05.09.2009 14:22:33 Uhr   Volkswirt: Apropos Track Record
  • 04.09.2009 22:33:33 Uhr   Chefökonom: Maßstäbe
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