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Merken   Drucken   01.12.2011, 10:00 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Ines Zöttl - Ciao Italia, amore mio

Es war das Land, wo die Zitronen blühn. Die Euro-Krise raubt uns nun die letzten Illusionen von unserem geliebten Arkadien. von Ines Zöttl 
Kennen diese Leute keine Gnade? Haben Sie kein Fünkchen Ehrfurcht vor dem Großen? Es war doch Johann Wolfgang von Goethe, unser Nationaldichter, der das Italien erschaffen hat, das die Ratingagenturen nun zerstören: das Land, wo die Zitronen blühn. Das Arkadien, in dem die Sehnsucht ihren Bestimmungsort findet. Wo die Seele baumelt. Und dann kommen diese Typen, die sich zwar in weiche Brioni-Stoffe hüllen, deren Weltbild aber aus einem harten s besteht. Dem des Genitivs, der allein dazu da ist, Besitz- und Eigentumsverhältnisse auszudrücken: Moody's, Standard & Poor's. Sie tippen Bella Italia und Dolce Vita in ihre iPads, und heraus kommt ein "A2"-Anleiheemittent mit fragwürdiger Bonität. O Goethe, schick den Götz von Berlichingen!
Lange bevor uns die Krise ans Portemonnaie geht, hat sie uns die europäischen Illusionen genommen. Das gemeinsame Europa war auf einer stillen Übereinkunft gegründet: Die Deutschen verachteten den Club Med, der sich von den Gestaden Griechenlands bis zum Teutonengrill von Rimini erstreckt. Und sie liebten ihn. Nach zwei Jahren Euro-Turbulenzen ist nur die Verachtung übrig geblieben. Die psychologischen Folgen für uns Deutsche sind furchtbar. Denn "glücklich allein ist die Seele, die liebt", wusste schon Goethe.
Ines Zöttl   Ines Zöttl
Nie wieder werden wir diesen magischen Moment erleben: oben auf dem Brenner, wenn wir das mühsame Deutschsein abstreifen und für ein, zwei Wochen zum leichtfüßigen Italiener werden. Noch schöner war es vor Schengen, als uns Zöllner mit einem klangvollen "Buongiorno" begrüßten wie Petrus am Himmelstor. Wobei der Einlass garantiert war, wir brachten ja Geld mit. Ein paar Kilometer weiter bis zur Raststätte, wo wir due Cappuccio - oder muss es Cappucci heißen? - bestellten.
"Et in Arcadia ego", auch ich habe den Sehnsuchtsort gesehen. Wobei, ehrlich gesagt, Italien immer am schönsten ist, wenn man daheim davon träumt, während man sich einen Rucolasalat zubereitet und eine Flasche Brunello aufmacht. Die Hotels sind überteuert, und bei der Vergabe der Sterne herrscht kreative Buchführung. Das antike Mobiliar stammt entweder aus der Zeit vor Christus oder aus dem Sperrmüll. In Berlin isst man längst bessere Scaloppine als vielerorts in Italien. Oder in der Sprache der Brioni-Typen: Italiens Tourismus ist nicht mehr wettbewerbsfähig. Gerade mal Rang 20 in Europa erreicht das Land im Competitiveness-Report 2011 des World Economic Forum - abgeschlagen hinter Ländern wie die Niederlande oder selbst Großbritannien. Aber wer will da schon hin?
Non fa niente, Hauptsache Italien. Auch wenn viele Deutsche die Ferien längst in Phuket verbrachten, in ihren Herzen lebte das wahre Italien weiter. Das Land des Don Giovanni, einer traurigen Gestalt, die es schaffte, zum Sinnbild charismatischer Verführungskunst zu werden. Das Land, in dem selbst eine Verbrecherorganisation wie die Mafia den gefühlten Charme einer Bubenbande ausstrahlt.
Aus der Ferne betrachteten wir mit wohligem Schauern den Don-Giovanni-Epigonen Silvio Berlusconi. So jemand an der Spitze einer Nation, das geht gar nicht. Und daher so schön. So ist Italien halt, konnten wir mit kennerhaftem Nicken sagen. Die Müllberge in Neapel waren wir bereit als folkloristische Eigenart anzusehen, solange das Ferienhäuschen nahe Florenz ordentlich aufgeräumt war.
Damit kein Missverständnis aufkommt: Die Italiener haben uns nie etwas vorgemacht. Wir haben sie uns zurechtgemacht. Dann kamen die Euro-Krise, die Kapitalmärkte, die Männer aus den Genitivagenturen. Berlusconi trat ab. Der Zauber ist verweht. Ein Mythos wurde mutwillig zerstört.
In Europa wird künftig deutsch gesprochen. Unionsfraktionschef Volker Kauder hat es gesagt. Der Cappuccino heißt dann Kaffee mit aufgeschäumter Milch.
O Madonna, das haben wir nicht gewollt.
Kennst du das Land? Wo die Zitronen blühn,
Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn,
Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht,
Die Myrte still und hoch der Lorbeer steht,
Kennst du es wohl? Dahin! Dahin
Möcht ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn.
Goethe
Ines Zöttl leitet das Team Internationale Politik der FTD.
  • Aus der FTD vom 01.12.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 02.12.2011 10:58:48 Uhr   Passion: Was den nun?

    "Wobei, ehrlich gesagt, Italien immer am schönsten ist, wenn man daheim davon träumt, während man sich einen Rucolasalat zubereitet und eine Flasche Brunello aufmacht. ..."

    Wenn man es nicht ernst meint, sollte man einen solchen Satz nicht schreiben, auch nicht in einer Kolummne.
    Die übrigens tendenziell sehr schwach auf der Brust ist. Dass ich noch mehr Zeit verschwendet habe mit diesem meinem Posting, liegt natürlich in meiner Veranwortung. Gute Kolummnen zu schreiben ist offenbar gar nicht so leicht, das sieht man auch an anderen Stellen. Aber gut schreibende Journalisten werden heute ja kaum noch ordentlich für ihre Leistung bezahlt. Da strengt man sich nur noch aus "Ehre" oder Leidenschaft an. Und Leidenschaft vergeht auch irgendwann... leider.

  • 01.12.2011 22:37:20 Uhr   Ulrich Wendland: Der Mythos lebt
  • 01.12.2011 20:46:19 Uhr   willi: Italien war schon immer so
  • 01.12.2011 19:21:16 Uhr   ZBy: Don Giovanni
  • 01.12.2011 18:31:39 Uhr   Eliseo: Sie haben absolut Recht
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