Trotzdem schulden wir Wulff Dank. Er hat etwas sehr Wichtiges für die Demokratie in Deutschland getan: Er hat das Amt des Bundespräsidenten geschrumpft. Auf Normalmaß.
Bei der Erarbeitung des Grundgesetzes hat der Parlamentarische Rat nach den Erfahrungen der Weimarer Republik Vorsorge getroffen, dass der Bundespräsident nicht zu mächtig wird. Was das Gremium nicht vermochte, war, auch die Erwartungen der Deutschen an ihren Präsidenten zu beschneiden. Und paradoxerweise ist es nun ausgerechnet die faktische Machtlosigkeit, die diesen in den vergangenen Jahrzehnten zur Lichtgestalt werden ließ.
Der Bundespräsident kann und darf nicht in die aktive Politik eingreifen - und verkörpert genau deswegen nolens volens den Idealtypus des Politikers: gelassen, staatstragend, über dem schmutzigen Alltagsgeschäft schwebend, sicher und selbstbestimmt. Er erscheint als derjenige im Land, der wüsste, was zu tun wäre - wenn er nur könnte.
Das verschafft dem Amtsinhaber, egal wer es ist, per se Ansehen. Und in der Regel nutzt der auch das Sprungbrett in den Olymp. Horst Köhler dann brachte es zur Meisterschaft darin, die Politikverdrossenheit fürs eigene Standing auszuschlachten.
In seiner Amtszeit geschah es, dass das präsidiale Bewusstsein der eigenen Bedeutung in Hybris kippte. Allen Ernstes begründete Köhler seinen Rücktritt damit, dass die Kritik an seiner Afghanistan-Äußerung den Respekt vor dem Amt habe vermissen lassen: Kritik an einem Amtsträger der Demokratie als Sakrileg.
Köhler hatte sich einfach zu gut in der vordemokratischen Ehrfurcht eingerichtet, die diesem Amt in Deutschland entgegengebracht wird. Die lang geübte Demutshaltung wirkt auch nach Wochen der Ent-Wulffifizierung nach: So windet sich die Opposition in schmerzhaften Verrenkungen, nur um nicht klar den Rücktritt zu fordern. Man will ja nicht derjenige sein, der das Amt beschädigt. Der Bundespräsident ist, ebenso wie Verfassungsrichter, unberührbar.
Jedenfalls war er das, bevor dank Wulff nun ein erfrischend neuer Ton zu hören ist: Jetzt wird in Deutschland frei, gleich und brüderlich gelästert über den höchsten Vertreter des Staates. Diese Satire auf Wulffs Mailboxanruf ist ein Befreiungsschlag: www.wdr5.de/sendungen/politikum/ s/d/02.01.2012-19.05/b/der-rubikon-ist-ueberschritten.html.