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Merken   Drucken   03.11.2011, 11:00 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Ines Zöttl - Politiker machen ständig alles falsch

Sind die Regierenden Masochisten? Sie werden belehrt von alten Männern, verachtet vom Wähler und gedemütigt von Demonstranten. Giorgos Papandreou macht nun nicht mehr mit. von Ines Zöttl 
Soll Griechenland die ausstehenden 8 Mrd. Euro erhalten?

 

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Der Mann kann es wirklich keinem recht machen: Seit Giorgos Papandreou das Schwert gezückt hat, um den griechischen Knoten zu durchschlagen, herrscht entsetzte Aufregung in aller Welt. "Was erlauben Papandreou", fragte der Kommentator der ARD-"Tagesthemen" mit vor Empörung bebender Stimme und traf damit so ungefähr die Stimmung der europäischen Regierungschefs: Das vorherrschende Gefühl ist, dass da einer in die Hand beißt, die ihn füttert.
Aber auch im eigenen Land und selbst in der eigenen Partei wird der griechische Ministerpräsident rhetorisch geteert und gefedert, seitdem er das Referendum über das EU-Hilfspaket angekündigt hat. Viele Griechen, so berichten Korrespondenten, fühlten sich "erpresst" - weil sie ja nun dem Sparkurs offen zustimmen müssten, wenn sie weitere 100 Mrd. Euro von der EU haben wollen. Daraus kann man nur den Schluss ziehen, dass sich die Griechen mit der bisherigen Arbeitsteilung in der Krise gut arrangiert hatten: Während wütende Demonstranten auf dem Syntagma-Platz vor dem Parlament demonstrieren und randalieren, trifft der Regierungschef die unangenehmen Entscheidungen und wettert ohne rettenden Schirm den Unrat ab, der von allen Seiten niederprasselt. Und das rund um die Uhr.
Diese Haltung ist menschlich und ein Mechanismus, der für das Überleben im privaten Alltag und Beruf unabdingbar ist. Am schönsten ist ausgiebiges Motzen, wenn es folgenlos bleibt. Wenn man den aufgestauten und berechtigten Frust ausspeien kann, ohne selbst beweisen zu müssen, dass man es besser könnte. Und ohne dass man selbst an unangenehmen Entscheidungen schuld ist.
Im Verhältnis vom Volk zu den Politikern kommt allerdings noch etwas dazu: Wir bezahlen die doch. Und zwar viel besser, als die meisten von uns verdienen. Also müssen die Politiker gefälligst liefern: gutes Geld für gute Leistung, so wie wir das auch vom Bäcker, Steuerberater und dem Reisebüro erwarten.
Leider erzielen wir Wähler Einigkeit über das, was gute Leistung ausmacht, nur in einem einzigen Punkt: Kein regierender Politiker erbringt sie. Alle sind unfähig, überfordert und damit auch überbezahlt.
Dafür können es die Alten umso besser: die Schmidts, Genschers, Teufels, die gefühlt schon dabei waren, als die Demokratie damals in Athen aus der Taufe gehoben wurde. Die wissen, wie man Deutschland und die Welt rettet, auch wenn es ihnen erst eingefallen ist, nachdem sie aus der aktiven Politik ausgeschieden sind. Oder vielleicht hören wir auch erst seitdem hin. Und sehen ehrfürchtig zu, wie ein großer Staatsmann charakterstark im Fernsehen raucht, nachdem wir dafür gesorgt haben, dass diese Sorte Luftverpester aus den Kneipen verbannt wurde.
Am zweitbesten nach den ganz Alten können das Regieren die ganz Jungen, die noch nicht durch Erfahrung kompromittiert sind. Derzeit setzen wir große Hoffnungen in die Piratenpartei, die uns freie Fahrt für freie Bürger im Internet verspricht. Wir werden sehr überrascht sein, wenn auch diese Partei dem eigenartigen Phänomen unterliegt, das schon bei den Grünen und der Linkspartei auftrat: Immer wenn eine Partei aus der Opposition in die Regierung gelangt, stellt sich heraus, dass sie über Nacht das Regieren vollständig verlernt hat.
Ein Politiker, den wir wählen, muss die Eigenschaften haben, die wir an ihm verachten: Machtwillen, Ehrgeiz, Führungsbereitschaft und Geltungsdrang. Er muss allzeit bereit sein, tags wie nachts, sommers wie winters. Er sollte nach 24-stündigen Krisensitzungen in Brüssel keine Ringe unter den Augen haben. Er darf in den Urlaub fahren, allerdings nicht zu weit, nicht zu lang und nicht zu teuer: Eine Woche Schwarzwald sei ihm gegönnt. Er darf im Fernsehen nicht zu langsam antworten, weil er dann tumb erscheint. Er darf nicht zu schnell antworten, weil er dann irgendwie unseriös rüberkommt.
Und bei all dem ist besonders wichtig: Er darf kein Politiker sein.

Teil 2: Politiker haben das Recht, verdrossen zu sein

  • Aus der FTD vom 03.11.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 03.11.2011 12:56:12 Uhr   Hans: Ines Zöttl schreibt Wichtiges!

    Ich möchte Ihnen danken, Frau Zöttl! Gut geschrieben und leider sehr berechtigt. Dieses Problem haben darüber hinaus alle Personen, die führen sollen - bis hin zu Eltern gegenüber ihren Kindern. Führen macht einsam und unpopulär. Man verweigert es darum oder ist tapfer. Einen Ausweg wissen Sie offenbar auch nicht. Schade. Ich ebensowenig.

  • 03.11.2011 11:51:56 Uhr   Philosoph: Politiker machen alles falsch!
  • 03.11.2011 11:23:29 Uhr   Dreiexpertenviermeinungen: Lesefreude
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