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Merken   Drucken   06.11.2012, 20:30 Schriftgröße: AAA

Kolumne: Wolfgang Münchau - Das Drama in Athen ist nicht zu Ende  

Die Lage Griechenlands hat sich unbemerkt verschärft, es droht der Totalbankrott. Ein Grund dafür ist: Europas Konservative ignorieren den fiskalischen Multiplikator.
© Bild: 2012 AFP/ANDREAS SOLARO
Premium Die Lage Griechenlands hat sich unbemerkt verschärft, es droht der Totalbankrott. Ein Grund dafür ist: Europas Konservative ignorieren den fiskalischen Multiplikator.
 
Wolfgang Münchau ist Kolumnist der FTD und der FT. Er leitet den Informationsdienst Eurointelligence in Brüssel.

Auch wenn es eine gefühlte Verbesserung gegeben hat, die Euro-Krise hat sich faktisch erheblich verschlimmert. Denn die wahre Bedrohung für den Euro  kommt jetzt nicht mehr durch die hohen Zinsaufschläge, sondern durch die Realwirtschaft.

In diesen Tagen diskutieren die europäischen Finanzminister über das nächste Griechenland-Paket, dessen Hauptinhalt ein Rückkauf griechischer Staatsanleihen sein wird. Dieses Programm hat eine Reihe von technischen Problemen, das größte ist aber, dass diese Aktion von einem Drama ablenkt, das sich gerade in Griechenland abspielt: Im nächsten Jahr wird aller Voraussicht nach die Wirtschaft regelrecht einbrechen. Die plausibelste Prognose, die ich bislang gehört habe, sieht einen weiteren Rückgang des Bruttoinlandsprodukts um 8,8 Prozent voraus. Das ist ungefähr das Doppelte dessen, was die Troika aus Internationalem Währungsfonds, Europäischer Kommission und Europäischer Zentralbank annimmt.

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Autor dieser Prognose ist der griechische Journalist Dimitris Kontogiannis, dafür hat er folgende Rechnung aufgestellt. Erstens, die Arbeitsmarktreformen vom vergangenen Jahr haben einen kurzfristigen negativen Effekt: rund ein Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Zweitens, die stärker ausfallende Rezession in diesem Jahr plus der Sparprogramme der letzten beiden Jahre bewirken weitere zwei Prozent Negativwachstum. Und drittens, das Sparprogramm für nächstes Jahr besteht aus Steuererhöhungen von 2 Mrd. Euro und Kürzungen von 9 Mrd. Euro. Für die Steuermaßnahmen setzt der Autor einen fiskalischen Multiplikator von 0,25 an, für die Einsparungen von 1,4. Das ergibt dann einen negativen Kürzungseffekt von rund 13 Mrd. Euro - oder knapp sieben Prozent des BIPs.

Wenn man schließlich diese drei Effekte addiert, kommt man insgesamt auf ein Minus des griechischen BIPs von rund zehn Prozent. Das Ergebnis verbessert sich ein wenig durch eine Zunahme der Exporte, Kontogiannis kommt deshalb dann auf die genannten 8,8 Prozent. Aber entscheidend ist letztlich weniger die konkrete Zahl, sondern die Größenordnung des Effekts.

Der entscheidende Faktor dabei ist der fiskalische Multiplikator. Er hat eine Höhe von 1,4 - diesen Wert schätzte der IWF für den Euro-Raum in seinem Jahreswirtschaftsbericht. Der Multiplikator misst den Einfluss eines Schuldenabbauprogramms auf die Konjunktur. Bei einem Faktor von 1,5 zum Beispiel verursacht ein Sparprogramm von drei Prozent einen Wachstumseinbruch von 4,5 Prozent.

Die konservativen Ideologen in den europäischen Regierungen haben in ihrer Rettungsstrategie den Multiplikator systematisch unterschätzt - und sie tun es jetzt noch. Viele von ihnen akzeptieren nicht einmal, dass es einen Multiplikatoreffekt überhaupt theoretisch geben kann. Andere sagen, dass es keinen Effekt bei Ausgabenkürzungen gibt, wohl aber bei Steuererhöhungen.

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Die Erfahrung der Euro-Krise bislang unterstützt die These, dass die Wirkung des Multiplikators in der Tat gerade sehr hoch ist. Das ist aus verschiedenen Gründen auch plausibel. Die Geldpolitik hat die Nullgrenze erreicht. Weitere Zinssetzungen werden entweder nicht kommen oder kaum Effekt haben. Ein Land im Euro kann seine Währung nicht abwerten, und der Euro selbst ist jetzt eher überbewertet als unterbewertet. Hier wird also fast nichts kompensiert. Die kleine Ausnahme ist der winzige griechische Exportsektor mit einem Anteil von nur sieben Prozent des BIPs. Die Lohnkürzungen verbessern die griechische Wettbewerbsfähigkeit ein kleines bisschen.

Wenn Griechenland nächstes Jahr tatsächlich in dieser Größenordnung schrumpfen wird, dann führt an einem Totalbankrott kein Weg vorbei. Denn mit jedem Maßnahmenpaket schrumpft Griechenland um mehr, als es Schulden abbauen kann. Der Ökonom John Maynard Keynes sprach schon in den 30er-Jahren vom Paradox des Sparens. In dieser Situation steckt Griechenland.

Die Finanzminister in Europa sollten sich mit dem Thema des Wachstums im nächsten Jahr beschäftigen - und nicht Zeit darauf verschwenden, ein absurdes Bondrückkaufprogramm aufzulegen, das kein Problem lösen wird. Die Theorie dahinter ist, dass Griechenland seine Anleihen, die jetzt bei etwas über 20 Prozent von Nennwert notieren, zu einem Preis von 30 Prozent des Nennwerts zurückkauft und damit einen Teil seiner Schulden tilgt. Der Preis soll erzwungen werden, indem man etwa griechische Banken zu einem Austausch nötigt.

Dann stellt sich die Frage, wer für die Verluste der griechischen Banken aufkommt. Die Antwort wird sicher der griechische Staat sein, denn noch gibt es kein Instrument der Vergemeinschaftung von Bankenschulden. Hier wird also mit großem Aufwand ein Taschenspielertrick inszeniert, der die Schulden von einer Ecke des Landes nur in die andere schickt. Auch die griechische Regierung trifft hier die Schuld, denn sie hat den Multiplikator nicht thematisiert, obwohl der IWF ihr mit seiner Analyse eine Steilvorlage dafür geboten hatte.

Wäre ich der griechische Premierminister, hätte ich nicht um eine Verlängerung des Programms gebeten - sondern es aufgrund seiner volkswirtschaftlichen Effekte als gescheitert erklärt. Die Alternativen, die sich jetzt bieten, sind ein Schuldenschnitt von 50 Prozent aller Schulden mit weiterer Finanzierung der Defizitlücke und ein Austritt aus dem Euro, verbunden mit einem Totaldefault auf alle ausländischen Anleihen. Das wird ohnehin die Konsequenz aus der jetzigen Politik sein. Die ganze Bondrückkaufaktion dient ja nicht dazu, Griechenland zu helfen, sondern dazu, dass sich die Bundeskanzlerin dieses leidigen Themas bis zur Bundestagswahl entledigen kann.

Wenn diese Analyse auch nur ungefähr stimmt, dann droht der Euro-Austritt Griechenlands vielleicht schon im Laufe des nächsten Jahres, weil sich die wirtschaftliche Lage weiter verschlechtern wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die griechische Koalition eine derartige Krise überleben wird. Und dann bin ich mir auch nicht sicher, ob das Merkel'sche Wahljahrkalkül aufgehen wird.

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  • Aus der FTD vom 07.11.2012
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