Zum ersten Mal seit zwei Jahren gibt es zu den Ursachen der Finanz- und Wirtschaftskrise in diesen Tagen tatsächlich Neues zu berichten. Die französischen Ökonomen Anton Brender und Florence Pisani haben eine weithin beachtete Monografie verfasst, die die verschiedenen offenen Stränge der Debatte vereint. Die Stärke ihrer Darstellung liegt nicht darin, dass sie einen völlig neuen Erklärungsansatz bieten oder eine neue Sau durchs Dorf jagen, sondern darin, dass sie eine kohärente Geschichte erzählen, die die verschiedenen Ansätze plausibel verbindet.
Einige Leute behaupten, die globalen Ungleichgewichte seien die eigentliche tiefere Ursache dieser Krise, sprich die starken Leistungsbilanzüberschüsse der Deutschen, Chinesen und Japaner sowie die Defizite der Amerikaner, der Briten und der Spanier. Andere suchen die Ursachen im globalen Finanzsystem: bei den Banken, den Hedge-Fonds oder in der Finanzregulierung. Brender und Pisani hingegen zeigen mit großer Detailfreude, dass beide Faktoren auf verhängnisvolle Weise zusammenspielten, um schließlich in diese Krise zu münden.
Zunächst aber sollte man klarstellen, dass es für eine abschließende Wirtschaftsgeschichtsschreibung der Krise immer noch zu früh ist. Viele Fakten sind immer noch verborgen. Bei der Großen Depression dauerte es einige Jahre, bis sich eine passable Theorie herausschälte, und dann noch einige Jahrzehnte, bis man die Krise in ihren Details verstanden hatte. Wir sollten uns daher nicht der Illusion hingeben, dass wir diese Krise in all ihrer Vielschichtigkeit sozusagen "live" verstehen - und das in einer Zeit, in der sie nicht einmal vorüber ist.
Aber die Abhandlung von Brender und Pisani kann zumindest den Anspruch erheben, diese Geschichte in einer ersten groben Skizze zu erzählen.