Auswahl und Urteil - FTD-Autoren berichten über Wirtschaft, Politik und Gesellschaft
Wolfgang Münchau ist FT- und FTD-Kolumnist. Er leitet den Informationsdienst Eurointelligence in Brüssel.
Es kam ganz am Ende der drei Tage, um Mitternacht: Der allerletzte Redner der Inet-Wirtschaftskonferenz in Berlin war der ehemalige chilenische Finanzminister Andrés Velasco, heute Wirtschaftsprofessor an der Columbia University. Velasco teilte der erlauchten Ökonomenrunde mit, dass man überhaupt kein neues volkswirtschaftliches Denken benötigt, um diese Krise zu verstehen. Im Gegenteil: Die Euro-Krise sei im Kern ähnlich den Finanzkrisen Asiens und Lateinamerikas. Man machte dort Fehler, aus denen man heute lernen kann - während Europa es leider unterlässt, die Fehler wiederholt und eigene noch hinzufügt. Das eklatanteste Beispiel dafür ist die prozyklische Sparpolitik in Spanien.
Velasco hat mit seiner Kritik ein Kernproblem der Euro-Krise angesprochen. Wer berät eigentlich die Bundeskanzlerin, den französischen Präsidenten oder die Finanzminister? Haben die sich mit Leuten umgeben, die schon einmal in ihrem Leben eine Finanzkrise gelöst haben?
Nach dem Wechsel von Jens Weidmann zur Bundesbank berief Angela Merkel den Ökonomen Lars-Hendrik Röller zu seinem Nachfolger. Röller ist ein allseits geschätzter, mir aus Brüssel gut bekannter Wettbewerbsökonom - aber kein Fachmann im internationalen Finanzwesen, der internationalen Ökonomie oder des Managements von Finanzkrisen. Im Gegensatz zum Wirtschaftsberater des US-Präsidenten hat Röller keinen Stab einschlägiger Experten an der Hand.
In Deutschland und anderen europäischen Ländern gibt es verständlicherweise nicht viele Experten in diesem Gebiet. Wir interessieren uns eher für Arbeitsmärkte und Geldpolitik. Das ist in Ordnung, aber warum haben Angela Merkel und Nicolas Sarkozy sich nicht zumindest mit inoffiziellen Beraterstäben von international bekannten Finanz- und Krisenökonomen umgeben? Von denen gibt es eine ganze Reihe.
Einer davon ist Velasco selbst. Ein anderer ist Richard Koo, der vor ihm sprach und einen erschreckenden Vergleich zwischen der Krise in Japan und der in Spanien zog. Erschreckend waren daran nicht die Parallelen, sondern die Unterschiede. Laut Koo hat Japan damals eine Depression vermieden, weil man die Entschuldung des Privatsektors nicht durch eine gleichzeitige Entschuldung des Staatssektors verstärkte. Spanien aber macht jetzt genau das.
Velasco und seine argentinischen Kollegen hätten Merkel bereits vor knapp einem Jahr erklären können, dass man mit einer Privatsektorbeteiligung beim Schuldenschnitt keine halben Sachen macht. Entweder macht man das richtig oder gar nicht. Die Argentinien-Krise fing mit einer lauwarmen Beteiligung an, die am Ende in einem spektakulären Staatsbankrott endete. Griechenland ist auf dem gleichen Weg.
Was ich nicht verstehe, ist, dass man sich angesichts dieser massiven Krise nicht mit Leuten umgibt, die die verschiedenen makroökonomischen, finanzökonomischen und technischen Aspekte einer Finanzkrise verstehen. Oder vermutet man in Berlin, dass es sich hier um eine angelsächsische Verschwörung handelt, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Euro-Raum zu unterwandern und Deutschland in den Bankrott zu verabschieden? Sieht man die deutschen Ökonomen dabei als eine Art Gegenpol, die vermeintliche heimische Interessen vertreten?
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Als ich Velasco hörte, wurde mir klar, dass die Ökonomie hierzulande eine duale Krise hat: Zum einen haben wir die mittlerweile bekannte Modellkrise - die Unfähigkeit, mit analytischen ökonomischen Modellen komplexe Zusammenhänge zu erklären, wie etwa eine Finanzblase. Als die englische Königin fragte, warum die Ökonomen die Krise nicht vorhersagen konnten, da stellte sie die falsche Frage. Sie hätte fragen sollen, warum die Ökonomen die Krise anhand ihrer Modelle nicht verstehen können, sie nicht einmal im Nachhinein "voraussagen" konnten.
Diese Debatte ist durch die alten Grabenkämpfe der Zunft überschatten, aber es tut sich dort etwas Neues auf, in Form von Modellen, die Kredite, Finanzströme und Schuldbestände mit einbeziehen. Diese Denkweise geht auf den Ökonomen Hyman Minsky zurück, der schon vor einigen Jahrzehnten ein Denkmodell entwickelte, das eine finanzielle Instabilität von innen heraus erklären konnte. Für die Standardökonomen waren Krisen immer das Resultat äußerer Schocks, was man angesichts der Häufung von Krisen heute kaum noch glaubwürdig behaupten kann.
Aber Velasco hat recht. Das Problem der angewandten Makroökonomie ist noch viel größer als die Modellkrise. Die Disziplin ist nicht einmal in der Lage, ihre eigenen Erkenntnisse zu kanalisieren und historische Erfahrungen zu verarbeiten. So wie man in Deutschland aus ideologischen Gründen die Inflation der 20er-Jahre dramatisiert und die Deflation der 30er-Jahre verharmlost, so gibt es ganze Zweige der Ökonomie, die Erfahrungen unterdrücken, die mit ihren Dogmen nicht übereinstimmen. Ich würde etwa sehr gern von den sogenannten Neuklassikern der Ökonomie hören, wie sie den Anstieg der Arbeitslosigkeit in vielen Ländern seit der Krise erklären - obwohl die Löhne stagnierten. Nach ihrem Modell kann das nur der Fall sein, weil die betroffenen Menschen eine plötzliche Vorliebe für Freizeit entwickelt haben. Ich würde einmal wetten, dass sie wie immer bei solchen Diskrepanzen irgendwelche Außeneinflüsse verantwortlich machen und diese jetzt eifrig suchen.
Und genau das ist auch der Grund, warum unsere ökonomisch-orthodoxen Glaubensbrüder nicht die Velascos und Koos zu Merkel und Schäuble vorlassen, sondern versuchen, die europäische Finanzkrise mithilfe ordnungspolitischer Ansätze zu lösen. Sie wissen natürlich selbst, dass das scheitern wird. Aber in einer solch komplexen Krise wird man sicher einen Schuldigen finden: die Hedge-Fonds, die Ratingagenturen. Es gibt Leser, die haben sogar mich unter Verdacht.
Ich bin am Ende zuversichtlich, dass die Ökonomie eine innere Revolution durchmachen wird und am Ende die Kurve kratzt. Meine Befürchtung ist, dass die Krise dafür erst noch eskalieren muss. Ein hoher Preis, wenn man bedenkt, wie einfach die Alternative wäre.
Geburtsfehler, die schon bei dessen Einführung eigentlich klar waren. Die Zusammenhänge sind im Grunde simpel und mit Euro praktisch nicht lösbar. Wen man das einmal erkannt hat, weiss man, was eine solche Beratung bringen würde: Die Erkenntnis, dass das Projekt Euro gescheitert ist und in Nordeuropa neu aufgesetzt werden muss. Wer die nordeuropäische Wirtschafts- und Finanzkultur übernimmt, darf dann zu dem Erfolgsprojekt dazu kommen. Aber das kann dauern, denn Kulturen sind zähe Objekte...