Auswahl und Urteil - FTD-Autoren berichten über Wirtschaft, Politik und Gesellschaft
| Wolfgang Münchauist Kolumnist der FTD und der FT. Er leitet den Informationsdienst Eurointelligence in Brüssel. |
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Der Internationale Währungsfonds (IWF) veröffentlicht jedes Jahr in seinem World Economic Outlook eine Reihe von Aufsätzen, die über das Tagesgeschäft hinausragen. In diesem Herbst gibt es eine hochinteressante Untersuchung über erfolgreiche und nicht erfolgreiche Episoden der Schuldentilgung von Staaten. Die Ergebnisse der Analyse "The Good, the Bad, and the Ugly: 100 Years of Dealing with Public Debt Overhangs" sind überraschend. Vor allem haben sie höchste Relevanz für unsere Krisenpolitik: Wir machen demnach nicht alles falsch, aber genug, um durch den Schuldenabbau den Euro-Raum im seinem Kern zu frustrieren.
Der IWF präsentierte sechs Fallstudien aus dem 20. Jahrhundert, zu Großbritannien, den USA, Kanada, Japan, Italien und Belgien. Wobei die britischen und japanischen Episoden für unsere heutige Krisenpolitik die größte Relevanz haben. Es sind Beispiele, wie man es nicht macht.
Nach dem Ersten Weltkrieg wollten die völlig überschuldeten Briten wieder zum Goldstandard zurückkehren, den sie mit dem Krieg aufgegeben hatten, und zwar zum alten Umtauschkurs. Man wollte sich durch eine überwertete Währung reich machen - so dachte man damals - und der Welt zeigen, dass Großbritannien seine Schulden vollständig bezahlt, ohne Wertverluste durch Inflation.
Was danach folgte, war eine der brutalsten Konsolidierungsstrategien, die es je in der Weltgeschichte gegeben hat. Sie scheiterte nicht, weil man sie irgendwann einmal aufgeben musste, sondern weil man sie bis zum bitteren Ende durchgezogen hat. Nach Ende des Ersten Weltkriegs standen die britischen Schulden bei 140 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Um sie zu verringern, fuhr die Regierung einen Primärüberschuss - einen Etatüberschuss vor der Zahlung von Zinsen - von sieben Prozent. Um der Goldbindung zu genügen, musste die Bank of England die Zinsen auf sieben Prozent erhöhen, trotz der Rezession, die dieses Sparprogramm brachte. Und was war das Resultat? Die Wirtschaft stagnierte fast 20 Jahre. Im Jahre 1938 war das reale BIP immer noch auf demselben Niveau wie 1918. Das Perverseste war aber, dass auch die Schulden stiegen, und zwar von 140 Prozent bei Kriegsende auf 170 Prozent im Jahre 1930 und 190 Prozent im Jahre 1933.
Der Grund war der Zusammenprall des Sparwahns mit der Großen Depression. Großbritannien brauchte noch bis zum Jahre 1990, um das ursprünglich gesetzte Ziel zu erreichen: den Schuldenstand auf das Niveau zu drücken, das vor dem Ersten Weltkrieg herrschte. Insgesamt 75 Jahre!
Was in Großbritannien damals passierte, geschieht heute in Griechenland mit derselben Dynamik. Für Griechenland wirkt die Euro-Mitgliedschaft ökonomisch wie der Goldstandard damals auf die Briten. Griechenlands realer Wechselkurs im Euro-Raum - unter Berücksichtigung der Inflation - hat massiv aufgewertet und dem Land die Wettbewerbsfähigkeit geraubt. Die Geldpolitik wirkt auf Griechenland restriktiv, weil die Realzinsen (die Nominalzinsen unter Abzug der Inflationserwartungen) relativ hoch sind. Die Sparprogramme sind extrem und werden immer extremer. Trotz massiven Sparens steigt in Griechenland die Schuldenquote, denn das BIP fällt schneller als die Verbindlichkeiten. Das Land steuert auf eine Schuldenquote von 190 Prozent zu, genau jene, die Großbritannien im Jahre 1933 erreicht hatte - 15 Jahre nach Beginn der unseligen Sparpolitik.
Der IWF hat die Parallelen zwischen Großbritannien und Griechenland nicht explizit erwähnt - das ist ein politisch sensibles Thema, denn der Fonds steckt selbst bis zum Hals im griechischen Schlamassel und ist für einige der Fehlentwicklungen mitverantwortlich. Der Vergleich drängt sich aber dem Leser auf.
Ähnlich ist es mit der Fallstudie zu Japan in den 90ern des 20. Jahrhunderts, die erstaunliche Parallelen zu der Situation in Spanien heute aufweist. Der entscheidende Fehler der Japaner war die Sequenz der Konsolidierung. Im Jahre 1997 ging man trotz anhaltender Flaute zu einer Sparpolitik über, noch bevor man den Finanzsektor bereinigte. Das erfolgte erst ein paar Jahre später. In der Zwischenzeit erlebte Japan sein verlorenes Jahrzehnt.
Die Ähnlichkeiten zu Spanien sind offensichtlich. Das Land vermeidet eine Radikalkur für seine Banken, unternimmt lediglich ein Minimalprogramm zur Erhöhung der Kapitalquoten. Hier wiederholt sich die japanische Geschichte fast eins zu eins.
In all diesen misslungenen Konsolidierungsphasen spielte auch das Pech eine Rolle. Ohne die Große Depression hätte die britischen Konsolidierungsstrategie vielleicht nach 15 Jahren gefruchtet. Den Japanern funkte die asiatische Finanzkrise dazwischen. Genau das passiert uns jetzt mit dem Absacken der Weltwirtschaft. Würde die globale Konjunktur brummen, dann könnten wir uns vielleicht mit einem abgewerteten Euro durchwurschteln. Jetzt steht der Euro bei 1,30 Dollar , womit er eher leicht überbewertet ist.
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Die Fallstudien stellen nicht die Sparpolitik an sich infrage. In Kanada und Belgien hat sie funktioniert, aber die Umstände waren andere. Eine strenge Sparpolitik hatte erstens dann Erfolg, wenn die Geldpolitik locker war - wobei es nicht auf die offiziellen Zinsen ankommt, sondern auf die Zinssätze, die in der Realwirtschaft bezahlt werden. Doch diese sind in Griechenland und Spanien unerträglich hoch. Die erfolgreichen Versuche waren zudem meist davon gekennzeichnet, dass das äußere Wirtschaftsumfeld günstig war. Das ist jetzt nicht der Fall.
Das Anleiheaufkaufprogramm der Europäischen Zentralbank wird bestenfalls den ersten dieser beiden Missstände reparieren, die Zinslast, am Problem Weltkonjunktur aber nichts ändern können.
Die Rettungspolitik sollte aber zumindest das tun, was man aus der Geschichte lernen kann. Strukturreformen sind jetzt wichtiger als blinde Sparprogramme, die irgendwelchen nominalen Zielen hinterherjagen; ohne eine radikale Rekapitalisierung der europäischen Banken wird nichts funktionieren; und die Europäische Zentralbank wird wahrscheinlich noch mehr machen müssen als das, was sie angekündigt hat.