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Merken   Drucken   26.07.2011, 06:00 Schriftgröße: AAA

Kommentar: Einfach mal die Klappe halten

Kurz nach einem Amoklauf oder einer Mordtat wie in Norwegen sind Politiker und Journalisten schnell mit einer Erklärung bei der Hand. Sie sollten das lieber sein lassen. von Falk Heunemann
Dieter Wiefelspütz hat es mal geschafft, sich durch eine Beschimpfung Bewunderung zu verdienen. Es war im März 2009, ein Amokläufer hatte in einer Schule in Winnenden 15 Menschen getötet. Es brauchte nur wenige Stunden, bis die ersten ein schärferes Waffenrecht forderten. Was macht man da als junger, ehrgeiziger Journalist? Ich folgte - leider - meinem Reflex und rief die zuständigen Fachpolitiker an, auch den SPD-Innenpolitiker Wiefelspütz. Doch statt zu antworten, schimpfte der am Telefon nur: Wie zynisch das doch sei, jetzt anzurufen, man wisse doch noch gar nichts. Und überhaupt, jetzt sei die Zeit für Trauer. Er war laut, erregt, legte auf - und tat damit das einzig Richtige.
Womit wir bei Hans-Peter Uhl von der CSU wären. Am zweiten Tag nach dem aktuellen Massenmord in Norwegen schlussfolgerte er: "Wir brauchen die Vorratsdatenspeicherung." Und er nutzte die Anfrage der "Passauer Neuen Presse" gleich für innerkoalitionäre Rangeleien: Alle Sicherheitsexperten seien seiner Meinung, "mit Ausnahme der Bundesjustizministerin" - einer Liberalen.
Es ist schwer zu sagen, wer hier naiver gehandelt hat: die niederbayerischen Kollegen, die nach so kurzer Zeit eine ernsthafte Antwort erwarteten. Oder Uhl, der womöglich tatsächlich glaubt, seinem Anliegen irgendwie zu nutzen.
Falk Heunemann   Falk Heunemann
Man könnte so was noch unter Ausrutscher verbuchen. Wenn es denn ein Einzelfall wäre. Die Linke-Abgeordnete Sevim Dagdelen sieht die Zeit für ein neues NPD-Verbotsverfahren gekommen. Der bayerische Innenminister will das Internet stärker überwachen lassen. Grünen-Chef Cem Özdemir fordert einen verstärkten Kampf gegen den Rechtsextremismus. Die Polizeigewerkschaft will eine Datenbank über Menschen mit "kruden Gedanken", die mit Hinweisen aus der Bevölkerung gefüllt werden soll.
Dabei ist es nicht nur zu früh für irgendwelche Schlussfolgerungen aus den Taten in Norwegen. Es ist auch schlicht unsinnig.
Amoktäter sind irre. Sie entziehen sich rationalen Erklärungsmustern. Na gut, Anders Behring Breivik hat sich rechtsextremistischer Rhetorik bedient. Genauso aber schwadronierte er auch über seinen christlichen Auftrag. Demnach sind also nicht nur Neonazis schuld an seinen Taten, sondern auch die katholische Kirche. Und Henrik M. Broder, den er mit irgendwelchen Aussagen zitiert. Und "World of Warcraft", ein Online-Fantasy-Spiel, das er spielte. Und der Autor Dan Brown, denn der Mörder war fasziniert von Tempelrittern und Verschwörungstheorien. Jede dieser Erklärungen erklärt genauso gut wie die andere seine Motivation. Doch wenn jede gleich gut ist, ist keine gut.
Wie willkürlich scheinbar rationale Erklärungen für Gräueltaten gefunden werden, sah man kurz nach der Tat. Kaum tickerten die ersten Anschlagsmeldungen durch die Welt, vermuteten viele Politiker und Experten sofort Islamisten am Werk - zwölf Stunden später begründeten sie dieselbe Tat mit dem Hass auf den Islam.
Entschuldigen könnte man solche Beliebigkeit vielleicht, wenn es zum ersten Mal geschähe. Tut es aber nicht. Als etwa am 26. April 2002 ein Schüler im Gutenberg-Gymnasium in Erfurt 16 Menschen - und sich selbst - erschoss, diskutierten deutsche Politiker schnell über ein Verbot von Ego-Shootern wie "Counter-Strike". Angeblich habe er das dauernd gespielt. Dass er das - wie der offizielle Bericht später einräumte - kaum gespielt hatte, wurde ignoriert. Selbst noch Jahre danach traf ich im Thüringer Landtag Abgeordnete, die ein Computerspieleverbot für eine der wichtigsten Konsequenzen aus der Tragödie von Erfurt hielten.
Drei Jahre zuvor, 1999, mussten Black-Metal-Musik, Oliver-Stone-Filme und Ego-Shooter herhalten, um das Massaker an der Columbine Highschool in den USA zu begründen. 2006 waren nach dem Amoklauf in Emsdetten ebenfalls Killerspiele die Übeltäter. 2009 nach Winnenden ging das nicht mehr - das Gesetz war bereits verschärft. Da waren dann die Schützenvereine schuld. Nun werden also die Vorratsdatenspeicherung und eine stärkere Internetüberwachung gefordert. Doch was nutzt eine Speicherung von Verbindungsdaten gegen einen betont unauffälligen Einzeltäter? Oder ein stärkerer Kampf gegen Rechtsextremismus? Es mag viele gute Argumente für solche Forderungen geben. Die Tat in Norwegen gehört nicht dazu.
Es scheint die Einordnung zu erleichtern, den Täter als Rechtsextremen zu brandmarken. Aber selbst wenn. Die Gründe für seine Tat sind keine. Sie sind nur Schmuck, um seinen nackten Wahnsinn mit vermeintlicher Bedeutung zu überdecken. So kann er sich als Krieger in einem globalen Kulturkampf gegen Einwanderung und Multikulturalismus gerieren. Wer sich auf diese Argumente einlässt, ihn in seinen Anti-Islam-Tiraden ernst nimmt und sein 1560-Seiten-Pamphlet auf Antworten durchsucht, wertet ihn nur auf. Es gibt Millionen islamophobe und fremdenfeindliche Menschen, Millionen spielen Ego-Shooter, sind in Waffenvereinen, glauben an Verschwörungstheorien - und sind dennoch keine Amokläufer.
So banal es daher klingen mag, Amokläufe wie in Norwegen sind nicht rational erklärbar, da sie von irrationalen Menschen begangen werden. Politiker sollten daher in den Tagen danach gar nicht erst versuchen, Erklärungen zu finden, sondern - auch wenn es ungewohnt ist - ausnahmsweise mal die Klappe halten.
Falk Heunemann ist Redakteur für Kommentare bei der FTD.
  • Aus der FTD vom 26.07.2011
    © 2011 Financial Times Deutschland,
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Kommentare
  • 03.08.2011 07:26:35 Uhr   ChrisYCF: Klappe zu. Augen auf. EIn einfaches Überlebe...

    In die richtige Richtung gedacht! Jetzt fehlt nur noch die eine, simple Schlussfolgerung um aus Utoya zu lernen. Wenn dann beim nächsten Mal auch nur ein Mensch mehr sein Leben retten wird, hat diese Diskussion Sinn gemacht. Machen wir es nicht zu kompliziert. Wenn wir in den Lauf einer Waffe schauen geht es nicht um Politik. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als das nackte Überleben. Auf dieser Ebene muss nach Lösungen gesucht werden.

  • 28.07.2011 08:04:47 Uhr   Volker: Hilfloser Reflex: alles verschärfen
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