Amoktäter sind irre. Sie entziehen sich rationalen Erklärungsmustern. Na gut, Anders Behring Breivik hat sich rechtsextremistischer Rhetorik bedient. Genauso aber schwadronierte er auch über seinen christlichen Auftrag. Demnach sind also nicht nur Neonazis schuld an seinen Taten, sondern auch die katholische Kirche. Und Henrik M. Broder, den er mit irgendwelchen Aussagen zitiert. Und "World of Warcraft", ein Online-Fantasy-Spiel, das er spielte. Und der Autor Dan Brown, denn der Mörder war fasziniert von Tempelrittern und Verschwörungstheorien. Jede dieser Erklärungen erklärt genauso gut wie die andere seine Motivation. Doch wenn jede gleich gut ist, ist keine gut.
Wie willkürlich scheinbar rationale Erklärungen für Gräueltaten gefunden werden, sah man kurz nach der Tat. Kaum tickerten die ersten Anschlagsmeldungen durch die Welt, vermuteten viele Politiker und Experten sofort Islamisten am Werk - zwölf Stunden später begründeten sie dieselbe Tat mit dem Hass auf den Islam.
Entschuldigen könnte man solche Beliebigkeit vielleicht, wenn es zum ersten Mal geschähe. Tut es aber nicht. Als etwa am 26. April 2002 ein Schüler im Gutenberg-Gymnasium in Erfurt 16 Menschen - und sich selbst - erschoss, diskutierten deutsche Politiker schnell über ein Verbot von Ego-Shootern wie "Counter-Strike". Angeblich habe er das dauernd gespielt. Dass er das - wie der offizielle Bericht später einräumte - kaum gespielt hatte, wurde ignoriert. Selbst noch Jahre danach traf ich im Thüringer Landtag Abgeordnete, die ein Computerspieleverbot für eine der wichtigsten Konsequenzen aus der Tragödie von Erfurt hielten.
Drei Jahre zuvor, 1999, mussten Black-Metal-Musik, Oliver-Stone-Filme und Ego-Shooter herhalten, um das Massaker an der Columbine Highschool in den USA zu begründen. 2006 waren nach dem Amoklauf in Emsdetten ebenfalls Killerspiele die Übeltäter. 2009 nach Winnenden ging das nicht mehr - das Gesetz war bereits verschärft. Da waren dann die Schützenvereine schuld. Nun werden also die Vorratsdatenspeicherung und eine stärkere Internetüberwachung gefordert. Doch was nutzt eine Speicherung von Verbindungsdaten gegen einen betont unauffälligen Einzeltäter? Oder ein stärkerer Kampf gegen Rechtsextremismus? Es mag viele gute Argumente für solche Forderungen geben. Die Tat in Norwegen gehört nicht dazu.
Es scheint die Einordnung zu erleichtern, den Täter als Rechtsextremen zu brandmarken. Aber selbst wenn. Die Gründe für seine Tat sind keine. Sie sind nur Schmuck, um seinen nackten Wahnsinn mit vermeintlicher Bedeutung zu überdecken. So kann er sich als Krieger in einem globalen Kulturkampf gegen Einwanderung und Multikulturalismus gerieren. Wer sich auf diese Argumente einlässt, ihn in seinen Anti-Islam-Tiraden ernst nimmt und sein 1560-Seiten-Pamphlet auf Antworten durchsucht, wertet ihn nur auf. Es gibt Millionen islamophobe und fremdenfeindliche Menschen, Millionen spielen Ego-Shooter, sind in Waffenvereinen, glauben an Verschwörungstheorien - und sind dennoch keine Amokläufer.
So banal es daher klingen mag, Amokläufe wie in Norwegen sind nicht rational erklärbar, da sie von irrationalen Menschen begangen werden. Politiker sollten daher in den Tagen danach gar nicht erst versuchen, Erklärungen zu finden, sondern - auch wenn es ungewohnt ist - ausnahmsweise mal die Klappe halten.
Falk Heunemann ist Redakteur für Kommentare bei der FTD.