Triumphierend recken Soldaten ihre Gewehre in die Luft, schwarze Rauchsäulen steigen in den Himmel. Der Sudan hat das umkämpfte Ölfeld Heglig nördlich der Grenze zum Südsudan zurückerobert. Wem das ölreiche Gebiet gehört, ist strittig. Präsident Omar al-Baschir erteilt vor der Kamera Verhandlungen mit dem zurückgewichenen Gegner eine Absage. "Die alten Grenzen des Sudan können nicht uns beide umfassen. Dieses Insekt müssen wir ausmerzen", sagt er.
Gemeint ist der Südsudan. Neun Monate nach der Geburt des jüngsten afrikanischen Staats stehen Nord und Süd am Abgrund zum Krieg - ein Rückfall in die Zeit vor dem Friedensschluss 2005. Die Loslösung des Südens war für die Staatengemeinschaft ein afrikanischer Testfall in einer chronisch instabilen Region. Die an Brisanz gewinnenden Auseinandersetzungen der vergangenen Wochen legen jetzt aber schwere Versäumnisse der Friedensstifter offen.
"In der jüngsten Eskalation hat die internationale Gemeinschaft versagt", kritisiert die Grünen-Politikerin Kerstin Müller. Bis zur Unabhängigkeit sei ein friedlicher Verlauf des Abspaltungsvotums noch begleitet worden - samt neuer Uno-Friedenstruppe für den Süden (Unmiss). "Dann sind der Sudan und die zentralen ungelösten Fragen aus dem Fokus geraten." Über Grenzverläufe durch Weidegebiet und eine Neuzuteilung der Einnahmen aus den jetzt mehrheitlich im Süden sprudelnden Ölvorkommen wurde zwar verhandelt, immer wieder, aber ohne Erfolg. Und mit unzureichendem diplomatischen Druck von außen, so die frühere Staatsministerin im Auswärtigen Amt. "Es war klar, das sind die Hotspots, da geht es wieder los, wenn man sich nicht einigt."
Noch bei der feierlichen Staatsgründung am 9. Juli 2011 lobten Festgäste in Dschuba die Friedfertigkeit beider Seiten. Doch seither sind die Machthaber im arabisch geprägten Khartoum wie im schwarzafrikanischen Süden in die alte Kriegslogik verfallen. Es scheint selbstmörderisch, denn beide Seiten hängen vom Öl ab. Der Süden stoppte die Ölförderung innerhalb seiner Grenzen ganz, weil der Norden überzogene Transitgebühren für die Verschiffung verlangte. Als der Südsudan Truppen nach Heglig schickte, flogen sudanesische Bomber Angriffe bis in den Süden hinein. Ob 16 Menschen getötet wurden, wie von der Uno verbreitet, oder mehr als 1000, wie in Dschuba behauptet, bleibt unklar.
Klar ist hingegen, dass die Kontrahenten mit dem Grenzkrieg von internen Verwerfungen ablenken. Neue Agrar-Investitionen im Norden können verlustige Öleinnahmen lange nicht wettmachen. Zugleich zerren Ausläufer der arabischen Rebellion an der Vormacht Baschirs. Der Süden wird von Entwicklungshilfe alimentiert, aber es brodelt unter den Volksgruppen. Bis zum Bau einer neuen Ölpipeline nach Süden vergehen Jahre.
"Der Sudan wie der Südsudan haben wirtschaftliche Probleme und nutzen die Konfrontation zur Sammlung gegen einen gemeinsamen Feind", sagt Jon Temin, Leiter des Sudan-Programms am US-Institute for Peace. Die Afrikanische Union (AU), Uno, USA und China versuchten auf die Kriegstreiber einzuwirken, "aber ihr Einfluss ist begrenzt. Der Süden hört kaum auf internationalen Rat, der isolierte Norden ignoriert ihn zumeist".
Der Uno-Sicherheitsrat verlangte am Mittwoch "einen sofortigen Stopp der Luftangriffe der sudanesischen Streitkräfte und eine unverzügliche Rückkehr an den Verhandlungstisch". Die AU setzte ein Ultimatum: Baschir wie sein Kollege Salva Kiir sollten sich in 48 Stunden zu einer friedlichen Lösung bekennen und alle Truppen binnen 80 Stunden zurückpfeifen. Kiir brach nach chinesischen Angaben einen mehrtägigen China-Besuch ab.
Noch tobt im ölreichen Herzen des vormals größten Staats in Afrika ein begrenzter Grenzkonflikt. Aber Sudan-Experten warnen, dass die Stunde Null gekommen sei, in der offene Streitfragen nicht länger hinausgeschoben werden dürfen: Vergangene Fehler sollten nicht wiederholt werden.
Denn solange der Süden noch nicht unabhängig war, hatte die internationale Gemeinschaft noch das Heft in der Hand, erinnert Wolf-Christian Paes, Programmkoordinator Sudan vom Bonner Institut für Konfliktforschung BICC. Zu leichtfertig habe sie sich damit abgefunden, dass der Süden in die Unabhängigkeit drängte. Das Ziel, ganz Sudan auf den Weg der Demokratie zu führen, wurde aufgegeben, ohne den Friedensplan konsequent anzupassen. Im Norden setzte sich der Eindruck durch, dass die Uno auf der Seite des Südens stehe. "Vor der Anerkennung des Südsudans hätte man noch auf einer Lösung der Streitfragen bestehen können", sagt Paes. "Aber irgendwann war der Zeitpunkt vorbei, dass man noch Druckmittel gehabt hätte." Auf Nord wie Süd.
Somit kam es nicht zu einer Uno-Truppe, die die strittigen Grenzen hätte überwachen können. Milizen des Südens zündelten im Norden, der reagierte mit Luftangriffen: in Heglig, der ölreichen Region Abjai, in Südkordofan und den Nuba-Bergen. In beiden Hauptstädten scheinen die Falken das Sagen zu haben - obwohl weder Kiir noch Baschir dazu gerechnet werden. "Vorher war es eine Friedensmission, jetzt ist es ein Konflikt zwischen zwei Staaten", sagt Paes. "Es fehlt an Druckmitteln." Die Frage ist, ob die Gegner nur ihre Verhandlungsposition stärken wollen, oder zum gegenseitigen Vernichtungsfeldzug angetreten sind.