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Merken   Drucken   10.08.2012, 15:02 Schriftgröße: AAA

Konfliktträchtige Halbinsel: Warum auf dem Sinai so erbittert gekämpft wird

Die Halbinsel Sinai gilt seit langem als Krisenherd. Die aktuelle Entwicklung in dem Puffer zwischen Israel und Ägypten weckt erneut Ängste vor einem möglichen Krieg. Die FTD beantwortet die wichtigsten Fragen.
© Bild: 2012 Reuters/AMIR COHEN
Die Halbinsel Sinai gilt seit langem als Krisenherd. Die aktuelle Entwicklung in dem Puffer zwischen Israel und Ägypten weckt erneut Ängste vor einem möglichen Krieg. Die FTD beantwortet die wichtigsten Fragen.
von Jerusalem

Am vergangenen Sonntag hatten militante Islamisten auf dem Sinai 16 ägyptische Soldaten getötet und die Grenze zu Israel durchbrochen. Das ägyptische Militär ging anschließend tagelang mit massivem Truppenaufgebot, Panzern und Kampfflugzeugen gegen die Verstecke der Extremisten vor. Am Freitag gab es weitere Scharmützel. Die Halbinsel war nach der Rückgabe an Ägypten weitgehend sich selbst überlassen. Der neu ausgebrochene Konflikt droht sogar, Ägypten und Israel in einen Krieg zu stürzen.

Die ägyptische Sinai-Halbinsel verbindet als Landbrücke Afrika und Asien. Seit Jahrtausenden führen wichtige Handels- und Schmuggelrouten durch das Gebiet. Heute grenzt hier Israel an Ägypten: Das bevölkerungsreichste arabische Land, das über die mit Abstand größte Armee der Region verfügt.

Es ist - neben den kleinen spanischen Enklaven in Marokko - die einzige Landgrenze eines wohlhabenden Industriestaats zu Afrika und daher als Alternative zur gefährlichen Überquerung des Mittelmeers nach Europa eine wichtige Route für Flüchtlinge, Menschenhändler und -schmuggler.

Die Grenze des Gazastreifens zum Sinai ist zudem die einzige nicht von Israel kontrollierte Verbindung eines palästinensischen Gebiets zur Außenwelt. Für Gaza ist der Nachschub an Treibstoff, Nahrungsmitteln und anderen Gütern aus dem Sinai lebenswichtig. Von hier gelangen allerdings auch Waffen in das von der radikalislamischen Hamas beherrschte Palästinensergebiet.

Die einheimische Bevölkerung des Sinai besteht aus arabischen Beduinenstämmen, die dort seit mehreren hundert Jahren siedeln. Heute stellen sie nur noch etwa die Hälfte der rund 500.000 Einwohner der beiden ägyptischen Verwaltungseinheiten Nord- und Süd-Sinai. Vor allem seit den 90er-Jahren kommen immer mehr Ägypter aus dem Nilbecken auf die Halbinsel.

Die Beduinen klagen, dass sie kaum von den Jobs im Tourismus im Süden oder den wenigen Industriebetrieben im Norden profitieren und auch etwa bei der Schulausbildung und sozialem Wohnungsbau gegenüber "den Ägyptern" vernachlässigt werden.

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In vielen der Beduinenstämme sind mehr als die Hälfte der Männer arbeitslos. Nur noch ein kleiner Teil der Stämme lebt als Nomaden von der Viehzucht. Hochprofitable, aber illegale Einkommensquellen sind der Drogenanbau - vor allem Marihuana - sowie der Drogen- und Menschenhandel mit Israel.

Die Führer der Beduinenstämme streiten ab, in diese Geschäfte verwickelt zu sein. Tatsächlich sind offenbar sowohl lokale Beduinen als auch Ägypter aus anderen Landesteilen in die kriminellen Machenschaften verwickelt. Am Schmuggel durch die mehreren hundert Tunnel nach Gaza verdienen vor allem die Palästinenser, denen die Grundstücke beiderseits der Grenze und damit die Geheimgänge gehören.

Das israelische Militär vermutet etwa 2000 bis 3000 islamistische Kämpfer, die ihre Basis auf der Sinaihalbinsel haben - zusätzlich zu kriminellen Banden und bewaffneten Beduinenstämmen. Manche ägyptischen Medien nennen noch höhere Zahlen. Darunter sind Gruppen wie die "Armee des Islam", die aus dem Gazastreifen stammen und die seit dem Sturz von Ägyptens Ex-Präsident Hosni Mubarak die weitgehend offene Grenze nutzen, um in beiden Gebieten zu operieren.

Auch ägyptische Extremisten wie "al-Takfir wal-Higra" und militante Gruppen aus dem Umkreis der ultrakonservativen Salafisten sollen den Sinai als Rückzugsgebiet nutzen. Ägypten meldete zudem mehrfach, Zellen der schiitischen Hisbollah-Miliz und al-Kaidas auf dem Sinai ausgehoben zu haben.

Seit Ägypten den Sinai Anfang der 80er-Jahre von Israel zurückerhielt, hat es die Beduinen in dem Gebiet nie voll kontrolliert. Die Stämme regelten ihre inneren Angelegenheiten und auch die Beziehungen untereinander stets weitgehend selbst, ohne etwa die ägyptische Polizei oder Justiz bei Streitereien einzuschalten. Die ägyptische Regierung ließ sie jahrelang gewähren und interessierte sich fast ausschließlich für den Ausbau des Tourismus an der Südspitze der Halbinsel - bis es seit Mitte der 2000er-Jahre zu einer Serie von Terroranschlägen auf Touristenressort und Sicherheitskräfte kam.

Infolge der blutigen Anschläge von Taba 2004, Nuweiba 2005 und Scharm al-Scheich 2006 führten ägyptische Sicherheitskräfte umfangreiche Operationen im Sinai durch und verhafteten Tausende Verdächtige, die in Zusammenarbeit mit al-Kaida in die Anschläge verwickelt sein sollten.

Die meisten der Verhafteten waren Beduinen, die, wie Menschenrechtsorganisationen beklagten, in fragwürdigen Militärprozessen zu langen Haftstrafen verurteilt oder ganz ohne Prozess festgehalten wurden. Diese Verhaftungswelle verschärfte den Konflikt zwischen den Stämmen und den ägyptischen Sicherheitskräften nur. In den folgenden Jahren kam es immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen, die auf beiden Seiten zahlreiche Tote forderte.

In den vergangenen Jahren breiteten sich zudem Terrorgruppen aus dem Umfeld al-Kaidas oder der Hisbollah auf dem Sinai aus. Sicherheitsexperten in Israel und Ägypten zufolge bestehen diese vor allem aus Palästinensern und ortsfremden Arabern, die aber die Beduinenstämme gegen Geld für ihre Zwecke einspannen.

Besonders deutlich wurde das Sicherheitsvakuum auf dem Sinai nach der ägyptischen Revolution Anfang 2011. Wie im ganzen Land zeigten die Polizeikräfte auch dort Auflösungserscheinungen. Extremistische Gruppen traten plötzlich offen auch in der Hauptstadt des Nordsinai, al-Arisch, auf, griffen Polizeiposten an und zerstörten traditionelle muslimische Heiligenschreine, die nicht ihrer Auffassung des Islam entsprachen.

Die ägyptischen Sicherheitskräfte starteten mehrere Offensiven in den vergangenen Monaten, stießen dabei allerdings nie bis in die Bergregionen im Inneren des Sinai vor, wo die Terroristen ihre Basen haben sollen.

Immer wieder werden die Truppen- und Waffenbeschränkungen für Ägyptens Sicherheitskräfte aus dem Friedenvertrag von Camp David als Grund genannt, dass Ägypten den Sinai nicht kontrollieren könne. Viele Beobachter bezweifeln allerdings, dass es der einzige Grund ist.

So hat Israel in den vergangenen Jahren nahezu immer zugestimmt, wenn Ägyptens Militär um Erlaubnis bat, zusätzliche Waffen und Truppen in das Gebiet zu bringen. Beduinen auf dem Sinai, die sich zum Großteil selbst über das Sicherheitsvakuum beklagen, kritisieren die bisherigen Operationen des Miltiärs als dilettantisch. Die Sicherheitskräfte seien gegen ihre Stämme als Sündenböcke vorgegangen, während die echten Terroristen unbehelligt geblieben seien.

In den vergangenen Monaten hat das Militär seine Präsenz auf der Halbinsel bereits massiv verstärkt. Mehrfach kündigte es an, auch gegen die Hochburgen der Terroristen in den Bergregionen vorzugehen. Dass dies bislang nicht geschehen ist, hat in Ägypten zahlreichen Verschwörungstheorien Auftrieb gegeben - etwa die, dass die Generäle an einem eskalierenden Kampf gegen islamistische Extremisten interessiert seien, um den neuen, ebenfalls islamistischen Präsidenten Muhammad Mursi und dessen Muslimbrüder zu diskreditieren, um ihn wieder von der Macht in Ägypten zu verdrängen.

Sowohl israelische als auch ägyptische Politiker und Militärs warnen, dass Terroristen die beiden Staaten, die nach vier blutigen Kriegen 1979 Frieden schlossen, wieder in einen offenen Krieg verwickelt werden könnten.

Israelische Militärs schließen nicht aus, dass sie gezwungen seinen könnten, selbst massiv im Sinai einzugreifen, wenn es zu weiteren Anschlägen von dort auf israelisches Gebiet kommt. Das würde einen Aufschrei in der anti-israelisch eingestellten Öffentlichkeit in Ägypten hervorrufen und könnte das dortige Militär zu Gegenschlägen gegen Israel zwingen.

Schon jetzt hat die Situation allerdings katastrophale Auswirkungen vor allem für die Bewohner des Sinai selbst. Der Tourismus liegt in den meisten Regionen bereits völlig darnieder. Ägypten hat zudem die Grenze zum Gazastreifen wieder geschlossen und zahlreiche Schmugglertunnel zerstört. Daher können Palästinenser das Gebiet kaum noch verlassen. Treibstoff und andere Güter in Gaza werden knapper.

  • FTD.de, 10.08.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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