Wie die Bundesregierung gehen auch unabhängige Konjunkturexperten führender Banken und Forschungsinstitute davon aus, dass die Wirtschaftsleistung im zweiten Vierteljahr nicht mehr weiter oder allenfalls geringfügig geschrumpft ist. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei im Vergleich zum Vorquartal sogar leicht gestiegen, hieß es am Wochenende in einer "internen Schnellschätzung" der Bundesregierung. "Das ist keine reine Hoffnungsnummer", sagte dazu der Chefvolkswirt der Allianz-Gruppe, Michael Heise. Auch Ökonomen anderer Institute hielten eine Stagnation für realistisch.
Das Rezessionsende dürfte demnach einige Wochen früher eingetreten sein, als von vielen Ökonomen bislang unterstellt worden war. Nach den gängigen Prognosen sollte die Trendwende erst im dritten Quartal einsetzen. Doch die Weltwirtschaft erholt sich rascher als angenommen: Die Produktion zieht seit etwa zwei Monaten wieder an, der Welthandel gewinnt an Tempo. Auch in Deutschland gab es positive Überraschungen, Auftragseingänge und Industrieproduktion zeigten im Mai gegenüber dem Vormonat unerwartet deutlich nach oben. Die Zeit des ungebremsten Absturzes der Konjunktur ist damit vorüber.
Mit seiner "Schnellschätzung" liegt das Bundeswirtschaftsministerium ungefähr auf einer Linie mit den meisten Konjunkturexperten. Übertriebener Zweckoptimismus könne den Wahlkämpfern in der Regierung diesmal nicht unterstellt werden, so die Ökonomen. Offizielle Daten für das zweite Quartal wird das Statistische Bundesamt allerdings erst im August vorlegen.
Mitte Juni hatte etwa das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) für das zweite Vierteljahr einen Rückgang des BIP um etwa 0,7 Prozent gegenüber dem Vorquartal prognostiziert. Auf das Jahr hochgerechnet ergab sich daraus ein Minus von 2,8 Prozent. Doch die jüngsten positiven Produktionszahlen aus der Industrie veranlassen die Kieler nun zu einer optimistischeren Einschätzung. "Es kann gut sein, dass wir eine positive Überraschung erleben und eine rote oder schwarze Null bekommen", sagte Carsten-Patrick Meier von Kiel Economics, einem Thinktank, der zusammen mit dem IfW Prognosen erstellt. Die deutsche Wirtschaft hatte im Mai mit einem Plus von 4,4 Prozent im Vergleich zum Vormonat den größten Auftragszuwachs seit fast zwei Jahren verbucht. Die Industrieproduktion legte um 5,1 Prozent zu. Allerdings hatte die Industrie zwischen Oktober und März den tiefsten Produktionseinbruch seit dem Zweiten Weltkrieg erlitten.
"Die Wende ist schon da gewesen. Wenn jetzt keine großen Schocks mehr eintreten, liegt die Rezession hinter uns", sagte Heise. Auch die Allianz erwarte eine Null im zweiten Quartal. Von einer Rezession sprechen Fachleute, wenn das BIP in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen im Vergleich zum Vorquartal schrumpft. Stagniert es in einem Quartal, so ist nach dieser Definition die Rezession gestoppt.
Nicht alle Volkswirte teilen jedoch diese einfache Sichtweise. Eine Mehrheit der Ökonomen erwartet einen erneuten Rückschlag im vierten Quartal, wenn sich die steigende Arbeitslosenzahl in rückläufigen Einzelhandelsumsätzen niederschlägt. Ein, zwei positive Quartale bedeuteten noch nicht, dass die Rezession tatsächlich schon vorüber sei, warnte etwa Andreas Scheuerle, Konjunkturexperte bei der Dekabank.
Auch Stefan Bielmeier von der Deutschen Bank gab sich skeptisch. Eine mögliche "schwarze Null" im zweiten Quartal beruhe vor allem darauf, dass die Deutschen im Vergleich zum Vorquartal weniger importierten und dadurch ihr Außenhandelsüberschuss wieder zugenommen habe. "Die Erholung ist daher nicht nachhaltig", sagte Bielmeier.