Die Macher hinter den News: Porträts von Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft.
Es hat viele Jahre der Misshandlung und Einschüchterung gebraucht, bis Chen Guangcheng zusammengebrochen ist. Doch als Melinda Liu den chinesischen Bürgerrechtler am Mittwoch in seinem Pekinger Krankenhauszimmer anrief, war es so weit. "Ich kenne Chen Guangcheng seit über einem Jahrzehnt. Während all der Zeit habe ich nie gespürt, dass er Angst hat. Jetzt hat er Angst", schreibt die "Newsweek"-Korrespondentin.
Bis vor Kurzem war es undenkbar, dass der unerschütterliche Chen die US-Außenministerin Hillary Clinton anflehen würde, sie möge ihn in die USA mitnehmen. Ebenso schwer vorstellbar war es, dass ein blinder Mann in finsterer Nacht über die Mauer klettert, die sein Haus umgibt, aus einem von rund 100 Sicherheitskräften abgeriegelten Dorf entkommt und die US-Botschaft im Hunderte Kilometer entfernten Peking erreicht. Doch so kam es vor knapp zwei Wochen.
Von den Amerikanern erbittet Chen zunächst kein Asyl, sondern Beistand, um Chinas Regierung Sicherheitsgarantien für ihn und seine Familie abzutrotzen. Das scheint am Mittwoch schon erreicht, Chen lässt sich in ein Krankenhaus verlegen. Doch dann erfährt er, dass die Behörden sich für seine Aufmüpfigkeit brutal an seiner Familie rächen. Seitdem will er das Land unbedingt verlassen - und wird damit zum Störfaktor in den wichtigsten bilateralen Beziehungen der Welt: denen zwischen China und den USA.
Chen hat in seinem Leben schon viel Außergewöhnliches vollbracht. Längst ist der 40-Jährige mit der großen Sonnenbrille zur Ikone der Menschenrechtsbewegung in China geworden. Nach einem schweren Fieber in seiner Kindheit erblindet, besucht der Bauernsohn mit 18 Jahren erstmals eine Schule. Nach einer Ausbildung in traditioneller Medizin kehrt er in sein Heimatdorf in der Provinz Shandong zurück und arbeitet als Masseur im Landkrankenhaus.
Schon während der Ausbildung belegt Chen nebenbei Jurakurse, weitere Rechtskenntnisse eignet er sich im Selbststudium an. 2005 zieht der "Barfuß-Anwalt", wie die Leute ihn nennen, von Dorf zu Dorf und sammelt Zeugenaussagen über Zwangssterilisationen und -abtreibungen im späten Schwangerschaftsstadium. Solche Praktiken sind illegal, doch die Lokalregierung will so ihre Zielvorgaben im Rahmen der Einkindpolitik erfüllen.
Wie schlecht Chinas Justiz funktioniert, bekommt Chen am eigenen Leib zu spüren, als er eine Sammelklage wegen der Missbrauchsfälle einreicht. Zwar verhaftet die Zentralregierung ein paar Funktionäre. Doch Chens Klage wird abgelehnt. 2006 wird der missliebige Aktivist selbst zu vier Jahren Haft verurteilt. Der Vorwurf: Er habe den Verkehr gestört.
Als er aus dem Gefängnis kommt, beginnt ein neuer Albtraum: Obwohl nichts gegen ihn vorliegt, halten Schläger ihn in seinem Haus fest. Versucht er, es zu verlassen, verprügeln sie ihn. Ähnlich ergeht es seiner Frau und sogar seiner Mutter. Die kleine Tochter wird auf dem Schulweg von Sicherheitskräften eskortiert.
Dass all das nur eigenmächtige Übergriffe der Lokalregierung sein sollen und Peking davon nichts gewusst hat, gilt als äußerst unwahrscheinlich - schon deshalb, weil Politiker wie Hillary Clinton die Zentralregierung mehrfach aufgefordert haben, Chens Hausarrest zu beenden. Peking zog es stets vor, sich ignorant zu geben. Mit Chens Flucht nach Peking ist diese Option nun entfallen.