Die Macher hinter den News: Porträts von Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft.
Seit nunmehr zweieinhalb Jahren ist das umgebaute Verwaltungsgebäude am Haager Churchillplein Christoph Flügges Heimat. In Deutschland haben davon nur wenige Notiz genommen, bestenfalls zum Zeitpunkt seiner Berufung als Uno-Richter an den Internationalen Strafgerichtshof für das Ehemalige Jugoslawien (ICTY) im November 2008.
Dabei steht er seit dem Wochenende im Mittelpunkt eines der aufsehenerregendsten Verfahren der jüngsten Zeit. Da wurde bekannt, dass der 63-Jährige gemeinsam mit dem Niederländer Alphons Orie und dem Südafrikaner Bakone Justice Moloto den Fall Ratko Mladic übernimmt. Bis zum noch unbestimmten Prozessauftakt gegen den Ex-Serbengeneral führen die drei gleichberechtigt die Vorarbeiten, wer dem Prozess vorsitzt und das Urteil spricht, ist nach ICTY-Angaben hingegen offen.
Zuvor hatte sein Werdegang vor allem Berliner Medien beschäftigt, schließlich war er lange Staatssekretär im Justizsenat. 2007 jedoch verlor der Jurist seinen Posten: In der JVA Moabit hatten Mitarbeiter Medikamente gestohlen, Flügge war für die Gefängnisverwaltung zuständig, die Justizsenatorin schasste ihn. Überrascht waren einige Kritiker damals, nannten die Entscheidung übertrieben.
Überraschter noch war allerdings mancher Experte des Völkerstrafrechts, als die Bundesregierung den Fachmann für Strafvollzug für das Uno-Kriegsverbrechertribunal vorschlug. Sein Vorgänger in Den Haag, Wolfgang Schomburg, hatte einst am Bundesgerichtshof in Karlsruhe gewirkt - in einer deutlich höheren Liga.
Mehr zu: DEN HAAG
Die Lernkurve für deutsche Juristen am ICTY ist jedoch steil. Dort folgt man im Gerichtssaal dem angloamerikanischen Modell, bei dem Anklage und Verteidigung vor den Richtern streiten und diese das Verfahren gekonnt auf Kurs halten müssen. Und Flügge hatte hierbei in den vergangenen zweieinhalb Jahren gute Lehrmeister. So wurde er gleich nach seiner Ernennung dem Richterteam im mit Abstand spektakulärsten Fall in Den Haag zugewiesen, dem von Radovan Karadzic. Der Brite Lord Iain Bonomy führte bestimmt und versiert durch die schwierigen Anfänge im Verfahren gegen den bosnischen Serbenführer.
Unter Vorsitz des Australiers Kevin Parker, einem der erfahrensten der 16 ständigen Richter, brachte Flügge ein Verfahren von der Eröffnung bis zum Urteil - im Februar wurde der einstige serbische Polizeichef Vlastimir Djordjevic für Verbrechen im Kosovo zu 27 Jahren Haft verurteilt.
Seit etwas mehr als einem Jahr leitet Flügge selbst einen Prozess, und diese Erfahrung sollte eine gute Vorbereitung für seine künftige Arbeit im Fall Mladic sein. Denn Zdravko Tolimir ist angeklagt wegen Völkermordes im Zusammenhang mit dem Srebrenica-Massaker. Als Kommandeur der bosnischen Serbenarmee VRS berichtete Tolimir direkt an den Oberbefehlshaber, General Ratko Mladic.
Urteilt man nach dessen bisher bekanntem Gesundheitszustand, so wird er keinesfalls so aktiv vor Gericht auftreten wie sein einstiger Weggefährte Karadzic. Der zieht den Prozess in die Länge, indem er einen Antrag nach dem anderen stellt. Das Jugoslawien-Tribunal soll jedoch im Sommer 2013 in eine Rumpforganisation abgewickelt werden. Bis dann sollte das Gros der Fälle abgeschlossen sein. In den letzten Jahren des ICTY absolvieren die Richter deshalb ein Arbeitspensum, das dem von Topmanagern gleichkommt - sie urteilen in mehreren Verfahren gleichzeitig, haben häufig morgens und nachmittags Anhörungen, nur der Abend bleibt fürs Aktenstudium. Flügge trägt nun die Mitverantwortung, dass das Verfahren gegen Mladic trotzdem zum Erfolg wird.