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Der Gegensatz könnte kaum größer sein. Ein schäbiger Sportpalast in der Pariser Vorstadt Évry, die Leute tragen Outdoor-Fleece und die Spuren eines Lebens im Gesicht, das sich in bröckligen Sozialwohnungen abspielt. Der Mann auf der Bühne aber ist wie aus dem Ei gepellt, sein Gesicht glatt und braun. "Wir in Évry", ruft Manuel Valls. "Zusammengehörigkeit", schmettert er, "Dynamik", "Solidarität". Valls bringt in kürzester Zeit den überfüllten Saal auf Temperatur. "Wir" sagt er immer wieder. Und "die". Damit meint er die Sarkozy-Freunde, die feinen Bürger in Paris. Dann betritt sichtlich beeindruckt François Hollande die Bühne, auf der ihn Valls begrüßt. "Was für ein Empfang!", ruft er, "was für eine Begeisterung!"
Nicht nur als sozialistischer Bürgermeister von Évry hat Valls den künftigen Präsidenten Frankreichs in den vergangenen Wochen ins rechte Licht gesetzt. Sondern als Kommunikationschef des Hollande-Wahlkampfs im gesamten Land. Und ganz nebenbei hat der omnipräsente Valls seine Rolle optimal genutzt, um auf sich selbst aufmerksam zu machen.
Seit Monaten weicht er Hollande nicht von der Seite. Selbst als der Kandidat im März neben Noch-Präsident Nicolas Sarkozy der Toten des Toulouse-Terrors gedachte, war Valls mit auf dem Bild. Oft nervös, teils aggressiv, stets mit grimmiger Miene, versuchte er, jedes Detail zu kontrollierten - und schwang sich dabei an seinen parteiinternen Widersachern vorbei zum heimlichen Chef eines erfolgreichen Wahlkampfs auf.
Dafür kann der Mann vom rechten Sozialistenflügel jetzt mit einer Belohnung rechnen. Der 49-Jährige gilt als Favorit für das Innenministerium. Kühne Pariser Beobachter handeln ihn sogar als Überraschungslösung für den Posten des Premierministers.
Der glänzende Sieg Hollandes macht vergessen, dass sich Valls noch vor Kurzem als Konkurrent des Staatschefs in spe versucht hatte: Bei der Kandidatenvorwahl der Sozialisten im vergangenen Herbst trat auch er an - und landete im ersten Wahlgang mit fünf Prozent abgeschlagen auf dem vorletzten Platz. Noch am selben Abend jedoch schlug er sich auf die Seite des Favoriten. Seitdem sei eine wahre "Komplizenschaft" zwischen den Männern entstanden, berichtet Hollandes Lebensgefährtin Valérie Trierweiler, die selbst mit Valls zweiter Frau, der Violonistin Anne Gravoin, befreundet ist. So viel Nähe sorgt auch für Ärger: "Valls hat Hollande monopolisiert", zitiert "Le Monde" einen führenden Sozialisten.
Um Hollandes Vertrauen zu gewinnen, musste Valls eigene Positionen aufgeben. Eine Erhöhung der Mehrwertsteuer, um im Gegenzug Sozialabgaben zu senken, musste er plötzlich ablehnen, weil sie auch ein Kernpunkt von Sarkozys Programm war. Bei der 35-Stunden-Woche, der Rückkehr zur Rente mit 60, Zuwanderungsquoten, in Fragen der inneren Sicherheit und in der Debatte um ein Burka-Verbot war Valls als Abgeordneter in der Nationalversammlung in den vergangenen Jahren ebenfalls näher an den Konservativen als an der eigenen sozialistischen Partei. Als Bürgermeister von Évry kennt er die Realitäten der Integrationsthemen in Frankreichs Problemzonen.
Valls selbst ist allerdings ein Beispiel bestmöglicher Integration: Mit 20 Jahren wurde der Sohn spanisch-katalanischer Einwanderer französischer Staatsbürger. Fundamentalistisch zeigt er sich nur als Fan des FC Barcelona. Ansonsten ist er schon lang im Herzen Frankreichs angekommen. Seine steile politische Karriere vom Job als Sprecher des sozialistischen Ex-Premiers Lionel Jospin über das Rathaus von Évry und die Nationalversammlung steht nun vor einem weiteren großen Schritt. Aber es ist schon klar: Für einen ehrgeizigen Mann wie Valls soll es nicht der letzte sein.