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Merken   Drucken   04.02.2009, 22:25 Schriftgröße: AAA

Krieg im Gaza-Streifen: Zweieinhalb Tage neben den Toten  

Eine palästinensische Familie wird von israelischen Sodaten in ein Haus gelockt, dann wird das Gebäude unter Beschuss genommen. 22 Menschen sterben. Sogar das Rote Kreuz spricht von einem Kriegsverbrechen. von Silke Mertins (Gaza-Stadt)
Omer Samuni rennt aufgedreht zwischen Müll und Trümmern herum. Dann wieder steht er regungslos, fast apathisch da und starrt mit leerem Blick vor sich hin. Seine Mutter Ohla Samuni streicht ihm über die kurzen Haare und den fleckigen Pullover. "Ich wusste doch nicht, dass er noch lebt", sagt die junge Palästinenserin. Sonst hätte sie ihn nie zurückgelassen.
Doch als die Rakete einschlug und Ohla Samuni nur noch Körperteile, Rauch und Trümmer sah, rannte sie los, mit ihrem blutenden Baby auf dem Arm und dem ebenfalls verletzten fünfjährigen Sohn Ahmed an der Hand. "Lass uns die retten, die noch leben", hatte ihr Mann ihr zugerufen. Omer lag am Boden und blieb zurück. Er war nur bewusstlos.
Ohla Samuni hat ihr Gesicht mit einem schwarzen Schleier verhüllt. Sie ist selbst erst 27 Jahre alt und Mutter von sechs Kindern. Ihren jüngsten Sohn, vor sechs Monaten geboren, hält sie fest auf dem Schoß, während sie erzählt, was früh am Morgen des 5. Januar passierte: Als der dreijährige Omar wieder zu sich kam, lag er neben seiner toten Schwester Aza. Sie war ein Jahr jünger als er.
Auch die Leichen seiner Großeltern, Talal und Rahma Samuni, lagen nicht weit. Zweieinhalb Tage kauerte er mit anderen Überlebenden, darunter weitere Kinder, neben den leblosen Körpern in der Ruine des Hauses. Israelische Soldaten hatten ihn und seine Eltern extra dorthin geschickt. Erst nach den zweieinhalb Tagen erlaubte die Armee dem Roten Kreuz, die Verletzten und Toten zu bergen.
Symbol für Vorwürfe gegen Israel
All dies geschah in Saitun, einem Viertel am südlichen Rand von Gaza-Stadt, in den ersten Tagen der israelischen Bodenoffensive. Heute stehen die Vorkommnisse exemplarisch für den Vorwurf an Israel, in Gaza Kriegsverbrechen begangen zu haben. "Den Verwundeten nicht zu helfen, verstößt gegen das Kriegsrecht", schreibt das Internationale Rote Kreuz (ICRC) in einer seltenen Stellungnahme. "Das ICRC ist überzeugt, dass das israelische Militär seiner Verpflichtung nach dem internationalen humanitären Recht, sich um die Verwundeten zu kümmern und sie zu evakuieren, nicht nachgekommen ist." Die Verzögerung der Bergungsarbeiten sei "inakzeptabel".

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