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Merken   Drucken   01.10.2008, 11:28 Schriftgröße: AAA

Kurdistan: Kopfkissen statt Subprime  

Im irakischen Erbil wachsen die Vorstädte genauso rasant wie einst in den USA - mit dem kleinen Unterschied: Die Häuser werden bar bezahlt. von Anna Fifield (Erbil)
English Village könnte auch am Rande Londons liegen. Schlanke Sackgassen prägen die Neubausiedlung, gesäumt von Einfamilienhäusern, die einander ähneln wie Zwillinge. Dazu sieht man Vorgärten mit akkurat gekürzten Rasenflächen, auf denen kitschige Keramikfiguren thronen. Und in den Hauseinfahrten parken Range Rovers. Dass das Viertel nicht zu Großbritannien gehört, zeigen allerdings die Immobilienpreise. Die nämlich steigen seit Jahren, und ein Ende ist nicht in Sicht.
English Village liegt am Rande Erbils, der Hauptstadt des Nordirak. Die angeblich globale Kreditkrise ist kein Thema in der kurdischen Metropole - aus dem einfachen Grund, dass die Wirtschaft auf Kredite nicht angewiesen ist: "Die Leute haben enorme Mengen Bargeld unter ihren Kopfkissen", sagt der britische Immobilienentwickler Russell Jones, einer der ausländischen Partner des English-Village-Projekts. "Viele, die hier bauen, wollen hier gar nicht leben", sagt Jones, "sie suchen nur einen sicheren Hafen für ihr Geld."
Nicht bloß von wirtschaftlichen Wirren blieb Erbil verschont, auch von politischen - jedenfalls im Vergleich zum übrigen Irak. Das halb autonome Kurdistan zählt zu den stabilsten Regionen des Landes. Ausländische Geschäftsleute siedeln sich hier an, ebenso wohlhabende Iraker, die sich in Erbil sicherer fühlen als in ihren Heimatdörfern. Schließlich investieren viele Exilkurden in der Stadt - zumal europäische Airlines den Flughafen von Erbil regelmäßig anfliegen.
Suburbane Viertel wie English Village sind bei denen, die es sich leisten können, besonders beliebt. Überall buddeln die Bagger, und trotzdem kann das Angebot nicht mithalten mit der rasant steigenden Nachfrage. Die Preise explodieren, wie sie es vor der Immobilienkrise in amerikanischen und englischen Vorstädten taten: Bis zu 230.000 $ kostet ein Durchschnittshaus, das vor zwei Jahren für 125.000 $ zu haben war. Wobei Durchschnitt bedeutet: Stromversorgung und Abwassersystem nach modernsten Standards - und fünf Schlafzimmer. Der englische Stil übrigens bestimmt zwar die Außenansicht, ist im Inneren aber nicht zwingend. "Die Häuser verfügen nicht bloß über westliche, sondern auch über orientalische Toiletten", sagt Projektmanager Azzam Kasra.
Ob der Bauboom irgendwann endet, so wie in England oder in den USA? Nicht solange noch Bargeld unter den Kopfkissen schlummert, glauben die Investoren. Unweit von English Village entsteht Dream City, ein Luxusviertel mit Kasino, Einkaufscenter, Schulen, Moschee - und 1200 Einfamilienhäusern, dreimal so viele wie in "Englischdorf". Auch ein Italian und diverse American Villages sind bereits im Bau. Und mehrere German Villages - vermutlich mit Gartenzwergen auf dem Rasen und einem VW Touareg in der Einfahrt.
Quelle: The Financial Times
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