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Merken   Drucken   03.05.2012, 18:34 Schriftgröße: AAA

Lashkar-e-Taiba und Al-Kaida: Die Wohltäter von der "Armee der Reinen"

Die Terrororganisation Lashkar-e-Taiba soll hinter den Anschlägen in Mumbai von 2008 stecken. Nun befürchten westliche Geheimdienste, dass die militanten Islamisten ihren Wirkungsbereich über Südasien hinaus ausdehnen wollen.
von Matthew Green

Wie viele erfolgreiche Unternehmer verweist Muhammad Ashraf stolz auf seine wohltätige Ader. Er spendet vor allem Jamaat-ud-Dawa, einer islamischen Wohlfahrtsorganisation, die in ganz Pakistan Schulen, Kliniken und Moscheen betreibt. Doch Jamaat-ud-Dawa wurde von der Uno wegen Verbindungen zur Terrororganisation al-Kaida mit Sanktionen belegt. Terrorismusexperten zufolge übernimmt Jamaat-ud-Dawa Missionierungsaufgaben für Lashkar-e-Taiba, die Terrorgruppe, die für die Anschläge verantwortlich sein soll, bei denen 2008 in Mumbai 166 Menschen starben.

Ashraf sieht sich nicht als Finanzierer des Terrorismus. "Menschen wie wir bezahlen zum Wohle Allahs für Wohlfahrtsprojekte", sagt der Unternehmer, der drei Düngerfabriken in Punjab betreibt. "Sie sammeln kein Geld für Terroristen. Das ist alles indische und westliche Propaganda."

Osama Bin Laden   Osama Bin Laden

Ein Jahr, nachdem US-Spezialeinheiten Osama Bin Ladenin Pakistan töteten, lebt die Vision des Al-Kaida-Anführers von einem globalen Heiligen Krieg bei vielen militanten Gruppen Pakistans weiter. Lashkar-e-Taiba, die "Armee der Reinen", stellt dabei ein besonderes Problem dar. Mit ihrem philanthropischen Unterbau, gut ausgebildeten Freiwilligen und traditionellen Verbindungen zu al-Kaida wäre sie gut aufgestellt, dem Westen Schaden zuzufügen. Aber will sie das auch?

10 Mio. Dollar Belohnung hat Washington für Informationen ausgelobt, die dazu führen, dass den Lashkar-e-Taiba-Gründer Hafiz Muhammad Saeed wegen seiner Drahtzieherrolle bei den Anschlägen von Mumbai Anklage erhoben wird. Nur auf den neuen Al-Kaida-Anführer Aiman al-Zawahiri ist ein höheres Kopfgeld ausgesetzt.

Washingtons Vorgehen spielte Saeeds Ego in die Karten. In einer live übertragenen Pressekonferenz witzelte Saeed, dass er vielleicht selber das Geld beanspruchen sollte. Unbeeindruckt reist er durch Pakistan und begeistert Tausende Zuhörer mit antiamerikanischen Ansprachen. Spender wie Ashraf schreckt das nicht ab.

Das ist wenig verheißungsvoll für Washington. Lashkar-e-Taiba bekämpfte früher indische Truppen in der Kaschmir-Region, auf die sowohl Indien wie auch Pakistan Anspruch erheben. Später ging die Organisation dazu über, die Koalitionstruppen zu attackieren, die in Afghanistan gegen die Taliban kämpfen. Die zunehmend schärfere Rhetorik lässt im Westen die Besorgnis wachsen, dass Lashkar-e-Taiba eines Tages Selbstmordkommandos nach Europa oder in die USA schickt.

Das ohnehin angespannte Verhältnis zwischen Washington und Islamabad würde in einem derartigen Fall überkochen. Selbst eine offene Konfrontation, die Wellen in der muslimischen Welt schlägt, wäre nicht auszuschließen. Ein weiterer Angriff auf indische Ziele könnte unterdessen noch gefährlicher sein und die Atommächte an den Rand eines Krieges treiben.

Aiman al-Sawahiri   Aiman al-Sawahiri

Am unmittelbarsten bedroht ist jedoch das anfällige demokratische System Pakistans. In dem 180-Millionen-Einwohner-Land hat die Rhetorik von Brandrednern wie Saeed die gemäßigten Stimmen ins Abseits gedrängt. "Der Mann steht auf dem Höhepunkt seiner Beliebtheit", sagte Rana Sanaullah, Justizminister in Punjab. "Es ist eine großartige Chance für ihn, sich als Einzelner zu positionieren, der gegen eine Supermacht antritt."

Ihre Feuerprobe erlebte Lashkar-e-Taiba in Afghanistan im Kampf gegen die sowjetischen Besatzer. Viele Pakistaner führen die Probleme ihres Landes auf die 1980er-Jahre zurück, als die Geheimdienste des Landes - von den USA und Saudi-Arabien üppig mit Mitteln ausgestattet - den afghanischen Widerstand förderten. Lashkar-e-Taiba machte sich Anfang der 1990er-Jahre einen Namen, als die Gruppe mit Rückendeckung des mächtigen pakistanischen Militärgeheimdienstes ISI indische Soldaten in Kaschmir angriff.

Nach den Anschlägen vom 11. September verbot der damalige pakistanische Präsident Pervez Musharraf den USA zuliebe Lashkar-e-Taiba. Die Anführer der Organisation hätten sich jedoch unter dem Banner von Jamaat-ud-Dawa neu gesammelt, sagt Christine Fair von der Georgetown University: "Praktisch sind die Organisationen wirklich identisch."

2005 versorgte Jamaat-ud-Dawa Tausende Opfer eines Erdbebens, auch bei späteren Flutkatastrophen war sie humanitär aktiv. Sie bietet bei medizinischen und Bildungsaspekten Hilfe und unterstützt arme Familien, die ihre Töchter ansonsten nicht verheiraten könnten.

Am 27.11.08 halten Terroristen in Mumbai das Luxushotel Taj Mahal ...   Am 27.11.08 halten Terroristen in Mumbai das Luxushotel Taj Mahal besetzt

Auch arabische Islamisten haben diesen Ansatz verfolgt: Mit wohltätiger Arbeit, die im Kontrast zu einem korrupten oder ineffizienten Staat steht, haben sie sich Legitimität aufgebaut. Keine andere militante Organisation ist in Pakistan landesweit dermaßen präsent wie Jamaat-ud-Dawa.

Den Vorwurf, militant zu sein, weist Jamaat-ud-Dawa zurück. Dennoch setzte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zwei Monate nach den Anschlägen von Mumbai Jamaat-ud-Dawa auf die Liste von Organisationen, die mit Reiseverboten und der Beschlagnahme von Vermögenswerten belegt sind und an die keine Waffen verkauft werden dürfen. "Lashkar-e-Taiba hat al-Kaida in vielerlei Hinsicht unterstützt, unter anderem, indem man die eigene Infrastruktur zur Verfügung stellte", begründete der Sicherheitsrat 2005 seinen Bann über Lashkar-e-Taiba.

Bei einer Kundgebung von Jamaat-ud-Dawa in Lahore skandierten vor Kurzem Dutzende Männer USA-feindliche Parolen. Sie forderten, Pakistan solle das sechsmonatige Verbot für den Umschlag von Nato-Versorgungslieferungen für Afghanistan beibehalten. Einer der Demonstranten, der Jurastudent Mustansar Hussain, sprach von der geistigen Befriedigung, die ihm die freiwillige Arbeit für die Gruppe bereitet: "Ich spiele eine Rolle bei der Hilfe für die Armen und Bedürftigen in allen Lebensbereichen."

In den Augen westlicher Geheimdienste stellt die Kombination aus sich ausbreitender Infrastruktur, mutmaßlichen Verbindungen zu al-Kaida und der Fähigkeit, Rekruten aus der pakistanischen Bevölkerung zu mobilisieren, eine explosive Mischung dar.

Im Gegensatz zu anderen militanten Gruppen in Pakistan verzichtet Lashkar-e-Taiba auf Anschläge im eigenen Land. Die Gruppe gilt traditionell als eine der verlässlichsten Gehilfen des Militärs. Nach Ansicht von Beobachtern macht es dies wiederum unwahrscheinlich, dass Lashkar-e-Taiba einen Anschlag im Westen planen würde - aus Angst vor den Folgen, die ihren Gönnern drohen würden.

"Es wäre insgesamt eine völlig andere Gruppe mit einer völlig anderen Beziehung zu den Behörden, sollte sie sich entscheiden, Menschen außerhalb der Region anzugreifen", sagt Richard Barrett, Leiter eines Uno-Teams, das al-Kaida und die Taliban beobachtet. "Man könnte sagen, sie ist stark genug und hat das Potenzial dazu, aber derzeit scheint es nicht in ihrem Interesse zu sein."

Unklar ist jedoch, wie groß der Einfluss der Armee auf Lashkar-e-Taiba ist und inwieweit die radikalsten Mitglieder der Gruppe sich al-Kaidas Wunsch, die USA anzugreifen, zu eigen gemacht haben. Anhänger der beiden Organisationen arbeiten allerdings in gewissem Umfang zusammen: Bei Angriffen auf Nato-Streitkräfte in Afghanistan kamen Mitglieder von Lashkar-e-Taiba mit Al-Kaida-Kämpfern in Kontakt, sagen Experten. Und dass Jamaat-ud-Dawa Sympathien für Bin Laden hegt, ist kein Geheimnis: Die Gruppe organisierte Proteste gegen seine Tötung.

Wie sehr die Grenzen verwischen, zeigt der Fall von David Headley, einem US-Bürger mit pakistanischem Vater. Headley wurde 2009 in Chicago verhaftet und bekannte sich schuldig, im Namen von Lashkar-e-Taiba Ziele in Mumbai ausgekundschaftet zu haben. Und er gab zu, zusammen mit einem al-Kaida nahestehenden Pakistaner einen Anschlag auf eine dänische Zeitung geplant zu haben.

"Die Anführer der Gruppe üben immer noch ein gewisses Maß strategischer Zurückhaltung aus", sagt Stephen Tankel von der American University in Washington. "Die Frage ist, ob sich ihr strategisches Kalkül ändern wird oder ob eine Splittergruppe einen nicht genehmigten Anschlag versuchen wird - und würde beides offensichtlich werden, bevor es zu spät ist."

Klar ist, dass Saeed auf dem Vormarsch ist. In den vergangenen sechs Monaten hat er sich im sogenannten Pakistan Defence Council (PDC) profiliert. Der PDC ist eine Koalition aus ehemaligen Generälen und religiösen Extremisten, die von Islamabad fordert, härter gegenüber Indien und die USA aufzutreten. "Pakistan wird von zwei Seiten ernsthaft bedroht - Indien ist auf der einen Seite, Amerika und die Nato-Streitkräfte auf der anderen", sagte Saeed der FT im Januar. "Wir wollen die Botschaft aussenden, dass die Verteidigung Pakistans für uns an erster Stelle steht."

Im Vorfeld der Wahlen, die kommendes Frühjahr abgehalten werden sollen, bleiben die großen Menschenmengen, in denen Fahnen von Jamaat-ud-Dawa geschwenkt werden, nicht unbemerkt. Vor Kurzem lobte der Präsident der Partei Pakistan Tehreek-e-Insaf Saeed als "Friedensprediger".

Indien ist entsetzt. Im April besuchte mit Asif Ali Zardari zum ersten Mal seit sieben Jahren wieder ein pakistanisches Staatsoberhaupt Neu-Delhi. Blockiert werden die Entspannungsbemühungen der beiden Länder aber dadurch, dass Pakistan Saeed nicht wegen mutmaßlicher Planung der Anschläge von Mumbai strafrechtlich verfolgt. Der Anführer der Lashkar-e-Taiba weist die Vorwürfe zurück.

Auch wenn Jamaat-ud-Dawa offenbar nur eine lautstarke Minderheit repräsentiert, wissen liberale Politiker in Punjab, dass sie keine Kraftprobe riskieren können. Latif Khosa, Gouverneur von Punjab, wägt seine Worte vorsichtig ab, wenn er von der Gruppe spricht. "Man darf nicht erwarten, dass Pakistan einfach über jemanden herfällt, der so viel Dienste leistet, und ihn ohne Beweis einer Supermacht übergibt", sagt er.

Tatsächlich stellt die Regierung von Punjab jährlich rund 8 Mio. Rupien (67.000 Euro) bereit, mit denen Gehälter in einer Klinik und einer Schule von Jamaat-ud-Dawa bezahlt werden, so Justizminister Sanaullah. Die Zahlungen ermöglichten dem Staat, die Einrichtungen zu überwachen, sagt er. Sie machen aber auch deutlich, wie sehr die zivilen Behörden Jamaat-ud-Dawa entgegenkommen müssen.

Da er nun für die USA zu den meistgesuchten Menschen zählt, dürfte Saeeds Ansehen wachsen. Am 9. März wohnte der Düngemittelproduzent Ashraf der Einweihungsfeier einer neuen von Jamaat-ud-Dawa geführten Moschee in Gujranwala bei. Saeed sei einer der Ehrengäste gewesen, erzählt Ashraf stolz. "Ich verstehe nicht, warum die USA eine Belohnung auf seinen Kopf ausgesetzt haben", so Ashraf. "Er ist ein edler und frommer Mann - nicht der Terrorist, für den die Welt in hält."

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