Wer dieser Tage auf Chinas Wirtschaft blickt, den kann eine heimliche Sehnsucht nach Autokratie befallen. Während die Volkswirtschaften der westlichen Demokratien dramatische Einbrüche verkraften mussten, läuft in China schon wieder fast alles so rund, als wäre nichts gewesen. Ein kleiner Dämpfer im vergangenen Winter, als das Bruttoinlandsprodukt mal ausnahmsweise nur einstellig wuchs. Das war's. Schon im zweiten Quartal ging es im alten Wachstumstempo weiter - so schnell, dass die kommunistische Führung die staatlichen Hilfen seit Juli schon wieder deutlich zurückführt.
Ein wesentlicher Grund für die rasche Erholung ist tatsächlich das autokratische System, das wesentlich schnellere politische Entscheidungsprozesse zulässt als Demokratien. Bauprojekte etwa können gegen Widerstand in der Bevölkerung und Umweltbedenken durchgepeitscht werden. So konnte die chinesische Führung mal eben ein Konjunkturpaket über 4000 Mrd. Yuan verabschieden und - darauf könnten deutsche Politiker in Zeiten der drohenden Kreditklemme neidisch werden - den staatlichen Banken befehlen, die Kreditvergabe an Privathaushalte und Unternehmen drastisch zu erweitern. Im ersten Halbjahr flossen 7370 Mrd. Yuan an neuen Darlehen - dreimal so viel wie im Vorjahreszeitraum.
Der wichtigste Vorteil ist jedoch das Timing: Chinas Hilfen haben genau am kritischen Punkt der Krise gegriffen. Deshalb kann das Land als erstes Erfolge vermelden und in Sachen Konjunkturpolitik schon jetzt wieder einen Gang runterschalten. In Deutschland dagegen wird darum gestritten, ob die Mittel aus dem im Januar beschlossenen Konjunkturpaket nun noch in diesem oder erst im nächsten Jahr in den Wirtschaftskreislauf fließen. Auf jeden Fall kommt der Großteil des Geldes erst dann, wenn der Aufschwung schon wieder läuft - und zwar angetrieben von China.
Natürlich ist der chinesische Weg weder ein Vorbild für Deutschland, noch ist er ohne Risiko. Dass die Staatsführung die Kreditvergabe nun so drastisch bremst, ist auch Ausdruck der Angst vor einer riesigen Blase. Denn viele Kreditnehmer haben das geliehene Geld anders investiert, als es der Plan vorsah: Statt fleißig zu konsumieren, kauften sie Aktien und Immobilien. In beiden Märkten schossen die Preise in die Höhe. Zudem steht zu befürchten, dass viele Kredite auf staatliches Geheiß zu leichtfertig vergeben wurden und beim kleinsten wirtschaftlichen Dämpfer platzen.
Dennoch sollte die chinesische Erfahrung die deutsche Politik dazu anspornen, sich vorzubereiten, um in der nächsten Krise schneller reagieren zu können. Das ist nämlich auch in einer Demokratie möglich. So spricht nichts dagegen, sich in einer gewählten Regierung im Voraus darauf zu einigen, mit welchen Mitteln man bestimmte wirtschaftliche Probleme lösen will. Die Idee ist auch keineswegs neu. Sie wurde schon im Stabilitätsgesetz von 1967 festgeschrieben - immerhin von einer Großen Koalition.