Stoßgebete zum Himmel: Gottesdienst dürfen die Gefangenen in Misrata feiern - doch vor Folter und schweren Misshandlungen vermag der Prediger die Männer nicht zu schützen
Scheich Fathi leitet das Gefängnis in Misrata schon seit Mai vergangenen Jahres. Er kam eher zufällig zu dem Job, weil es eben jemand machen musste. Vor dem Krieg war er Geschäftsmann, sagt er. Der 37-Jährige trägt Uniform und einen langen Bart - und zitiert sogleich die Koranstelle, die Barttragen zur Pflicht macht. Er will aber nicht für einen islamischen Extremisten gehalten werden.
Der gesamte Aufwand für das Gefängnis wird durch Spenden und private Unternehmen finanziert. Geld vom Nationalen Übergangsrat in Tripolis bekommt der Direktor nicht. Die Gefangenen werden ihm vom Militärrat der Stadt geschickt und zu Verhören abgeholt. Richterliche Untersuchungen gibt es bisher keine. Die Militärs entscheiden über Haft oder Freiheit.
Bereitwillig zeigt der Scheich mit seiner "bewaffneten Bande", wie er scherzt, Besuchern die Anlage. Spezielle Sicherheitsvorkehrungen im Inneren gibt es nicht, am Tor steht nur eine Handvoll Wächter mit Waffen. Die Gefangenen sind fast alles Libyer, nur ganz wenige kommen aus dem Tschad, Mali und Mauretanien - angeheuerte Söldner Gaddafis oder vielleicht auch nur Fremdarbeiter.
Einige der Gefangenen haben Kriegsverletzungen, sie humpeln an Krücken, wie ein ganz junger Mann, dem ein Fuß amputiert wurde. Die Insassen bewegen sich frei, schlafen in sauberen Massenunterkünften, erhalten drei Mahlzeiten am Tag, und die meisten werden auch regelmäßig von ihren Verwandten besucht und mit Kleidung versorgt. Die Stimmung ist trotzdem gedrückt - bei manch einem allerdings ist es vor allem die Angst vor dem, was kommt, wenn er das Gefängnis verlassen hat. Wie soll das Leben dann weitergehen?
Auf den ersten Blick ist nicht einmal auszumachen, wer Insasse und wer Aufpasser ist, etwa in den Räumen der von Ärzte ohne Grenzen aufgebauten Krankenstation. Die Hilfsorganisation hat Gefangene ausgebildet, anderen Gefangenen zu helfen. Das Wichtigste ist das Wechseln der Verbände. Ein junger Häftling aus Misrata betätigt sich sogar als Physiotherapeut: Er übt mit einem Mitinsassen die ersten Bewegungen nach einer Knieverletzung. Der Umgangston ist respektvoll, manchmal fast freundschaftlich.