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Merken   Drucken   17.09.2009, 21:04 Schriftgröße: AAA

Luftschlag in Afghanistan: Neue Vorwürfe gegen deutschen Oberst

Exklusiv Die Bomben auf zwei von den Taliban entführte Tanklaster wurden von Nato-Flugzeugen abgeworfen, die der deutsche Kommandeur zu Hilfe rief. Doch die Lage vor Ort war nach FTD-Informationen gar nicht so dramatisch, wie er sie den Verbündeten schilderte.
von Brüssel und Berlin

Der verheerende Luftschlag in Afghanistan vor zwei Wochen wurde offenbar unter der Vorspiegelung falscher Tatsachen befohlen. Nach FTD-Informationen aus Nato-Kreisen behauptete der deutsche Oberst Georg Klein, die Bundeswehr sei "im direkten Feindkontakt" ("Troops in Contact"), als er die Unterstützung durch die US-Luftwaffe anforderte. Auf die Rückfrage des Isaf-Kontrollzentrums in Kabul "Was für eine Art Kontakt?" habe der militärische Kommandeur des deutschen Aufbaulagers in Kundus geantwortet: "Sichtkontakt."

Einheiten der Afghanistan-Schutztruppe Isaf oder der Bundeswehr waren aber im Vorfeld des Luftschlags nicht einmal in der Nähe der beiden entführten Tankzüge. Um einen Luftschlag ohne Rückbestätigung des Isaf-Hauptquartiers befehlen zu können, müssen aber Soldaten des betroffenen Kommandeurs im direkten Feindkontakt sein. Das hat Klein offensichtlich behauptet.

Jung verteidigt Bombardierung

In Militärkreisen herrscht Rätselraten, warum der als besonnen geltende Oberst sich so verhalten haben soll. Bestenfalls, so hieß es, könne es sich um ein Missverständnis zwischen ihm und seinem Gegenüber in Kabul handeln. Allerdings habe Klein kurz vor dem Abwurf der beiden Bomben noch einmal eine "unmittelbare Gefahr" bestätigt, die von den Tanklastzügen ausgehe. Doch diese bestand nicht - die Laster steckten in einem Fluss fest.

Das Verteidigungsministerium in Berlin wollte sich am Donnerstag nicht äußern. "Wir warten den offiziellen Bericht der Nato ab", sagte ein Sprecher. Minister Franz Josef Jung (CDU) hatte sich bisher stets vor Klein gestellt. Er teile dessen Entscheidung, die beiden Tankwagen zu bombardieren, so Jung. Der Offizier habe nach Beurteilung der Lage "zum Schutz unserer Soldaten" entschieden.

Nato spricht von toten Zivilisten

Auch Klein hatte den Luftangriff verteidigt: Er habe sich seine Entscheidungen "niemals leicht gemacht, um diese auch im Nachhinein vor meinen Soldatinnen und Soldaten, den afghanischen Menschen und meinem Gewissen verantworten zu können", sagte der Oberst in einem Interview.

Nach einem Bericht des "Wall Street Journal" kommt eine Nato-Kommission zum Ergebnis, dass 70 Aufständische und 30 Zivilisten getötet wurden. Allerdings ist der Bericht noch nicht abgeschlossen. Das Ministerium in Berlin hatte unmittelbar nach dem Luftschlag erklärt, es seien ausschließlich 56 Taliban getötet worden. Erst nach einem ersten vorläufigen Bericht der Nato räumte man ein, dass es auch zivile Opfer gegeben haben könnte.

Am Donnerstag wurden in Kabul bei einem der schwersten Anschläge der jüngsten Zeit sechs italienische Soldaten und mindestens zehn afghanische Zivilisten getötet. 52 weitere Zivilisten seien beim Angriff eines Selbstmordattentäters auf einen italienischen Nato-Konvoi verletzt worden, sagte ein Sprecher des afghanischen Verteidigungsministeriums.

  • Aus der FTD vom 18.09.2009
    © 2009 Financial Times Deutschland
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