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Merken   Drucken   29.10.2003, 19:52 Schriftgröße: AAA

Malaysia schwankt zwischen Stolz und Sorge

Mit harter Hand und hohen Staatsausgaben hat Mahathir Mohamad Malaysia Wohlstand gebracht. Am Freitag übergibt der Premier sein Amt an Abdullah Badawi. Die Bürger des Drei-Völker-Staats fürchten, dass der Nachfolger den Erfolgskurs nicht fortsetzen kann. von Sabine Muscat, Kuala Lumpur
Mahathir Mohamad   Mahathir Mohamad
Der Minister zieht die Mundwinkel nach unten. "Sie sagen, dass wir die Atombombe als nukleare Waffe brauchen. Das ist nicht wahr. Wir brauchen sie als Touristenattraktion", erklärt er bestimmt. Der nächste Satz geht im Gelächter unter. "Wir haben die Atombombe, unsere ganz eigene Atombombe", schmettert später ein Sänger mit viel Gel in den Haaren zu einer getragenen Melodie. Wieder lachen die Zuschauer im "Actor’s Theater" in Kuala Lumpur, und als der Liedtext eingeblendet wird, singen sie hingebungsvoll mit.
"Der Minister" in dem Theaterstück "Atomic Jaya" steht für niemand anderen als den Übervater der Nation, den malaysischen Ministerpräsidenten Mahathir Mohamad. Er hat das Land 22 Jahre lang straff regiert, am Freitag wird die Führung an seinen Stellvertreter und Innenminister Abdullah Badawi übergeben. Seinem Zögling dürfte es nicht leicht fallen, im Schatten des mächtigen Vorgängers ein eigenes Profil zu finden. Dr. M, wie der frühere Arzt Mahathir in seiner Heimat genannt wird, hat Malaysia am Gängelband in die Moderne geführt. Die Gesellschaft, die er geformt hat, schwankt in ihren Gefühlen heute zwischen Stolz, Größenwahn und Sorge vor der Zukunft.
Ehrgeizige Bauprojekte
Zwar hat Dr. M nie nach der Atombombe gestrebt - nach vielem anderen dagegen schon. Unter seiner Regierung wurde das Land in den 80er und 90er Jahren zu einer der wichtigsten Wirtschaftsnationen Asiens. Mahathirs ehrgeizige Bauprojekte haben aus Kuala Lumpur - der "Schlammigen Flussmündung" - eine Science-Fiction-Metropole gemacht. Die Twin Towers, Sitz der staatlichen Ölgesellschaft Petronas, waren bis vor kurzem das höchste Gebäude der Welt. Zwar gibt es in Malaysia kein Atomic Jaya - keinen "Atomerfolg" - dafür aber einen Hightech-Korridor namens Cyber Jaya und den riesigen Regierungskomplex Putrajaya. "Einen wie ihn findet Malaysia in 1000 Jahren nicht mehr", glorifiziert Tourismus- und Kulturminister, Abdul Kadir, seinen Regierungschef.
Mit seinem selbstbewussten Auftreten hat Mahathir seinem Land eine Stimme in der islamischen Welt verschafft. Den Westen brachte der 77-Jährige immer wieder mit scharfer Polemik gegen sich auf. Seine antisemitischen Parolen brachten ihm zuletzt Zorn und Tadel des US-Präsidenten George W. Bush ein. Amerikanische Regierungsvertreter machen kaum einen Hehl daraus, dass sie die Zeit nach Mahathir herbeisehnen.
Wirtschaftsdaten können sich sehen lassen
Für Malaysias Wirtschaft hat sich Mahathirs Widerspenstigkeit ausgezahlt: Als das Land 1997 von der asiatischen Finanzkrise hart getroffen wurde, verordnete er eine eigenwillige Medizin: Er verfügte Kapitalverkehrskontrollen und die Bindung der heimischen Währung an den US-Dollar. Sein schärfster Kritiker, der Internationale Währungsfonds, hat inzwischen zugegeben, dass die Strategie offenbar richtig war. Die malaysische Volkswirtschaft erholte sich schneller als die der Nachbarstaaten.
Bei Mahathirs Abgang können sich die Wirtschaftsdaten sehen lassen: Ein erwartetes Wachstum von 4,5 Prozent in diesem Jahr ist eine ordentliche Rate in einer Region, in die Touristen nach dem Schock der Lungenkrankheit SARS nur zögerlich zurückkehren. Malaysia profitiert von gestiegenen Weltmarktpreisen für seine wichtigsten Rohstoffe Palmöl und Gas sowie vom niedrigen Dollar-Kurs, der wegen der Währungsbindung auch die malaysischen Exporte verbilligt hat.
Angst vor der Zukunft
Trotz dieses Erfolges hat sich in Malaysia die Angst eingeschlichen, dass es nicht immer so weitergehen wird. "Es gibt keinen Hinweis darauf, woher in Zukunft das Wachstum kommen soll", sagt Jomo Kwame Sundaram, Wirtschaftsprofessor an der "University of Malaya". Im Osten bläht sich China zu einer Größe auf, die die umliegenden Länder wie ökonomische Zwerge erscheinen lässt. Viele Investoren aus der Elektronikbranche, die bislang Malaysia favorisierten, entscheiden sich heute für China oder Indien.
"Uns fehlen die einheimischen Wachstumsmotoren", sagt Jomo. Malaysische Kapitalgeber sind rar. Immer wieder ist es der Staat, der Geld in Prestigeprojekte wie das Nationalautomobil Proton steckt - und dafür ein steigendes Haushaltsdefizit in Kauf nimmt. "Unsere Produkte sind international nicht konkurrenzfähig", kritisiert Premesh Chandran, Geschäftsführer der regierungskritischen Online-Zeitung "Malaysiakini".
Abdullah Ahmad Badawi   Abdullah Ahmad Badawi
Positive Diskriminierung
Wirtschaftspolitisch umstritten sind ebenfalls die Privilegien, die die Regierung der malaiischen Bevölkerungsmehrheit gewährt, um deren Chancen gegenüber den erfolgreichen Chinesen und Indern zu verbessern. Die positive Diskriminierung hat viel Missgunst gestiftet; den Abstand zwischen den Gruppen im Wirtschaftsleben konnte sie jedoch nicht verringern. In Führungspositionen internationaler Unternehmen finden sich heute trotz Quotenvorgaben nur wenige Malaien. "Die Chinesen machen die Arbeit, die Malaien rechnen sich die Verdienste an, und den Indern gibt man die Schuld" - zu diesem zynischen Schluss kommen die Protagonisten im Satirestück "Atomic Jaya".
Viele erwarten, dass Mahathirs Nachfolger Badawi für mehr Toleranz eintritt. Badawi stammt aus der für ihre Multikultur bekannten Stadt Penang. Er genießt als Islamgelehrter hohes Ansehen unter den Muslimen, zugleich nimmt er regelmäßig an den Festen der anderen Religionen teil.
Die Regierung hat bereits erkannt, dass sie mit ihrer einseitigen Förderung radikal-islamischen Gruppen wie der Pas-Partei den Boden bereitet. Ihr könne Badawi entschlossener entgegentreten als sein im Koran weniger gut bewanderte Vorgänger, hoffen die moderaten Kräfte im Land.
Freiräume erkämpft
Langsam haben sich Kunst- und Meinungsfreiheit in Malaysia eingeschlichen. Zeitungen und Fernsehsender werden streng reguliert, doch der bürgerliche Mittelstand hat sich Freiräume erkämpft. Internetzeitungen wie "Malaysiakini" sind von der Zensur ausgenommen. Und die Schauspieler im "Actor’s Theater" dürfen über den Landesvater herziehen - mit Billigung des Bürgermeisters von Kuala Lumpur: "Das Stück habe ich selbst genehmigt."
Weniger nachgiebig sind die Behörden beim Thema innere Sicherheit, vor allem seit den Terroranschlägen in den USA und auf der indonesischen Insel Bali. Mahathir hat die drastischen Gesetze in den vergangenen Jahren dazu benutzt, politische Gegner ohne Gerichtsverfahren verhaften zu lassen. Mehr als 90 Personen haben die malaysischen Behörden in diesem Jahr auf der Grundlage des "Internal Security Act" ISA festgenommen. Sie sollen mit der Organisation "Jemaah Islamiyah" in Verbindung stehen, die vermutlich die Terroranschläge auf Bali vor einem Jahr organisiert hat. Doch während die indonesische Justiz den mutmaßlichen Attentätern den Prozess macht, werden die Verdächtigen in Malaysia vorerst nur weggesperrt.
Bizarres Gerichtsverfahren
"Beschuldige zuerst, entschuldige dich später", ist die Devise des Ministers auf der Theaterbühne. Vor seinem Abgang hat der echte Ministerpräsident im Juni sechs bekannte Oppositionsführer aus der Administrativhaft entlassen. Seinem prominentesten Feind hat er nicht vergeben: Der ehemalige Finanzminister und Stellvertreter Anwar Ibrahim, der früher als sein Nachfolger galt, sitzt seit 1998 im Gefängnis. Anlass für das Zerwürfnis mit Mahathir war offiziell ein Streit über den richtigen Ausweg aus der Asienkrise, in Wahrheit ging es um die Macht im Land. In bizarren Gerichtsverfahren wurde Anwar des Machtmissbrauchs und der Sodomie schuldig gesprochen. Der Fall hat einen hässlichen Fleck auf Mahathirs Ansehen hinterlassen. Dennoch glaubt in Malaysia niemand, dass Badawi bald daran rühren wird - zumal der charismatische Anwar auch für ihn ein ernst zu nehmender Herausforderer wäre.
Kampf gegen die Korruption
Der unauffällige Badawi dürfte die Bestätigung seiner Regierung bei der Parlamentswahl im kommenden Jahr abwarten, bevor er eigene Schritte unternimmt. Vorerst hat er sich in vielen Zeitungsinterviews dem Kampf gegen die Korruption verschrieben, auch in der Regierungspartei United Malay National Organisation (Umno). "Er sollte die Partei reformieren und dabei aufpassen, dass die Partei nicht ihn reformiert", sagt "Malaysiakini"-Geschäftsführer Chandran. Machtkämpfe innerhalb der Umno sind programmiert.
Dass sich die Unmo bei den Wahlen gegenüber den übrigen Parteien durchsetzen wird, gilt als sicher. Viel gerätselt wird dagegen, ob sich Dr. M zurückzieht oder einen ähnlich starken Einfluss anstrebt wie die graue Eminenz Singapurs, der frühere Ministerpräsident Lee Kuan Yew. "Für jemanden, der sich auf den Rücktritt vorbereitet, ist er in den letzten Wochen ganz schön laut gewesen", sagt Tian Chua, einer der Oppositionsführer. Der Minister in "Atomic Jaya" verstummt nicht, nachdem er die Bühne verlassen hat: Im Epilog erfährt das Publikum, dass er nach dem Abtritt gerne mit Reportern spricht.
Bruttoinlandsprodukt   Bruttoinlandsprodukt
Weitere Informationen:
Erfolgreich Malaysia gilt nach Singapur als zweitwohlhabendster Staat Südostasiens, Kuala Lumpurs Einkaufszentren müssen den Vergleich mit den Malls anderer Metropolen nicht scheuen. Dieses Jahr wächst die Wirtschaft voraussichtlich um 4,5 Prozent. Den Einbruch 1997 federte die Regierung ab, indem sie gegen den Rat des IWF die heimische Währung an den Kurs des US-Dollar koppelte.
Ausländische Direktinvestitionen   Ausländische Direktinvestitionen
Selbstbewusst Kostspielige Projekte in Kuala Lumpur wie die Petronas Towers, der Internationale Flughafen oder die neue Einschienen-Bahn untermauern den Anspruch Mahathir Mohamads, Malaysia bis 2020 zu einer modernen Industrienation zu entwickeln. Die fortschrittliche Infrastruktur lockt - den Auswirkungen der Asienkrise zum Trotz - zahlreiche internationale Investoren ins Land.
Bevorzugt Die Malaien stellen die Bevölkerungsmehrheit in Malaysia. Wirtschaftlich erfolgreicher sind jedoch Chinesen und Inder. Mit einer gezielten Bevorzugung malaiischer Bürger bei der Besetzung von Schlüsselpositionen in Wirtschaft und Politik versuchte Regierungschef Mahathir über mehr als zwei Jahrzehnte, dieses Phänomen zu beeinflussen. Das Bemühen gilt heute als gescheitert.
  • FTD, 29.10.2003
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