Es regnet. Kein leichter hanseatischer Nieselregen, kein heftiger Frankfurter Frühjahrsguss. Bei Niederschlag in Hongkong geht der Himmel auf. Der Regen prasselt, oft für Stunden, spritzt von oben, von der Seite, aus den Pfützen. Das Observatorium der Stadt hat eigens ein Warnsystem entwickelt für die immensen Wassermassen. Wird die höchste Stufe ausgerufen, fallen über 70 Millimeter Niederschlag in einer Stunde, die Bevölkerung ist aufgefordert, in den Gebäuden zu bleiben, es kommt zu gefährlichen Sturzfluten und Erdrutschen.
Für die Reservoire der Stadt aber sind die Regentage im Frühjahr und Sommer ein Segen. Sie füllen die aufgestauten Seen in den Naturparks der Stadt und machen sie weniger abhängig von Wasserlieferungen aus dem Umland. Bis zu 300 Millionen Kubikmeter oder ein knappes Drittel des Trinkwasserbedarfs wird damit in guten Jahren gedeckt.
Lange war Hongkong komplett auf Regen angewiesen. Bis vor 30 Jahren war Trinkwasser in der damaligen britischen Kronkolonie regelmäßig knapp. 1963 gab es an keinem einzigen Tag im Jahr ausreichend Wasser, bis 1983 wurde die Ressource immer wieder rationiert. Dann handelten die Briten mit den Behörden der benachbarten Provinz Guangdong komfortable Lieferungen aus dem 80 Kilometer entfernten Dongjiang-Gebiet aus. Seither muss sich die Stadt keine Sorgen mehr um Wasser zum Trinken, Kochen und Duschen machen.
Doch Experten warnen: Hongkong lebt auf Kosten seines Umlandes.Die Stadt wächst weiter und verbraucht mehr. Aber auch in die wohlhabende chinesische Provinz Guangdong streben unaufhörlich Zuzügler. In trockenen Sommern, wie zuletzt 2009, ist das Wasser rings um die Provinzhauptstadt Guangzhou heute schon knapp und muss rationiert werden.
"Hongkong ist heute in der glücklichen Situation, dass Qualität und Quantität des Wassers in den nächsten Jahren kein Problem darstellen dürften", sagt Fred Lee, Professor für Stadtplanung an der Hong Kong University. Doch das stelle auch eine Gefahr für die Stadt dar: "Die Regierung ist ein bisschen selbstgefällig geworden." Sie tue nicht genug, um der großen Nachfrage entgegenzuwirken.
Die Hongkonger verbrauchen kräftig. Die Finanzmetropole muss praktisch kein Wasser für Industrie und Landwirtschaft bereitstellen, doch mit täglich 220 Litern verbrauchen die Einwohner 50 Liter mehr als im weltweiten Mittel. Zum Vergleich: Berliner verbrauchen pro Kopf und Jahr gerade einmal ein Drittel dessen, was die Bewohner von Hongkong an Wasser nutzen.
"Der Haupttreiber ist die Zeit unter der Dusche", sagt Vincent Mak, Chefingenieur der Wasserbehörde Water Supplies Department der Stadt. Im feuchtheißen Klima von April bis Oktober sind zwei bis drei Duschen am Tag nicht ungewöhnlich. Die Bürger zahlen nur rund die Hälfte der tatsächlichen Kosten von rund 9 Hongkong-Dollar je Kubikmeter, der für die Behörden anfällt, sagt Professor Lee. Der Rest wird staatlich subventioniert. "Die Wertschätzung fürs Wasser ist abhandengekommen", sagt Lee.
Unablässig haben die Stadtoberen die Infrastruktur weiter ausgebaut, zuletzt mit einem Aquädukt in die benachbarte Provinz Guangdong. Die Behörden dort haben der Sonderverwaltungszone vor ihrer Haustür für die nächsten Jahrzehnte eine maximale jährliche Liefermenge von 1100 Millionen Kubikmetern zugesichert.
Beim Sparen steht Hongkong hingegen ganz am Anfang. Maks Behörde hat vor zwei Jahren ein Programm für Schüler und Studenten gestartet, das zu weniger Verbrauch erziehen soll. Derzeit wird ein Bewertungsschema für besonders effiziente Duschköpfe, Wasserhähne und Waschmaschinen ausgearbeitet. Geprüft wird außerdem der Bau einer Entsalzungsanlage zur Aufbereitung von Meerwasser. "Wir schauen auch nach Singapur und Australien, um zu lernen, wie diese Länder mit der knappen Ressource Wasser umgehen", sagt Ingenieur Mak.
Ein Umdenken könnte aber schneller nötig werden als gedacht, warnt Su Liu. Die Wissenschaftlerin hat für das unabhängige Forschungsinstitut Civic Exchange in Hongkong die Umweltwirkungen der Industrieumsiedlung im Perlflussgebiet untersucht. Heute sind der Perlfluss und seine Zuflüsse im Zentrum der stark industrialisierten Region rings um Guangzhou so schmutzig, dass das Wasser nicht einmal für Landwirtschaft und Industrie genutzt werden kann.
Doch das mittlere Flusstal des für die Wasserversorgung wichtigen Dongjiang gilt als sauber. Um der Umweltprobleme im Zentrum Herr zu werden, versucht die Provinzregierung, mehr Industrie dorthin umzusiedeln - und verschiebt damit auch einen Teil der Verschmutzung. "Diese Städte sind oft nicht vorbereitet. Sie haben teilweise nicht einmal das Geld, eine ordentliche Deponie aufzubauen", sagt Su. Gruben habe sie gesehen, in die Hausmüll, Medizinabfälle, alte Hausgeräte und Industrieprodukte einfach geworfen würden. Und spätestens mit dem nächsten Platzregen wird jede Menge giftiger Substanzen in Hongkongs wichtigste Wasserquelle gespült.