Theoretisch könnten sie unendlich wuchern. Doch immer mehr Riesenstädte leiden unter ihrer Anziehungskraft. Sie stehen sich selbst im Weg - und ihren Bürgern. In einer sechsteiligen Serie werden die Wachstumsschmerzen der größten Städte der Erde beschrieben.
Ammar Jassir zeigt stolz auf einen dunklen, frisch asphaltierten Flicken mitten auf der Fahrbahn. "Da drüben", sagt der 32-jährige Ägypter "war bis vor zwei Wochen das Schlagloch." Langsam aber stetig windet sich eine Autoschlange um den Kreisverkehr am Ende der Straße Abbas al-Akkad im Kairoer Stadtteil Nasr City. Bis vergangene Woche war das noch anders: Das mehr als ein Meter breite Schlagloch hatte den Kreisverkehr zu einem der berüchtigsten Nadelöhre der Gegend gemacht. Bis Ammar schließlich mit einigen Freunden anrückte und das Loch eigenhändig stopfte. Den Asphalt kauften sie selbst, die Geräte liehen sie sich.
Wie viele Jahre das Loch dort schon klaffte, weiß niemand mehr. Auf jeden Fall hatten Anwohner wie Ammar schon jede Hoffnung aufgegeben, die zuständigen Behörden würden sich darum kümmern. Ein typischer Fall für die ägyptische Metropole Kairo. Viele Aufgaben der lokalen Verwaltung haben private Initiativen übernommen. In armen Gegenden kümmern sich religiöse Wohlfahrtseinrichtungen oder ausländische Hilfsorganisationen um Gesundheitsversorgung oder Schulbildung. In wohlhabenden Bezirken wie Nasr City übernehmen Bürgerinitiativen wie die von Ammar und seinen Freunden immer mehr Aufgaben. Bassita (etwa: Einfach, Kein Problem) nennen sie ihre vor wenigen Monaten gegründete Gruppe. Demnächst wollen sie für die Reparatur der nur sporadisch funktionierenden Straßenlaternen sorgen.
Nasr City ist ein Mittelschichtenstadtteil mit mehr als einer Million Einwohnern. Im Vergleich vor allem zu Ägyptens ländlichen Gebieten ist die Infrastruktur hier geradezu luxuriös. Die Straßen sind vollständig asphaltiert, nahezu 100 Prozent der Wohnungen sind ans Strom- und Wassernetz angeschlossen. Repariert oder instand gehalten wird diese Infrastruktur allerdings kaum.
Geldmangel ist nicht das entscheidende Problem in Kairo, glaubt Ammar. Ausländische Experten stimmen ihm bei. Sie beklagen den bürgerfernen Zentralismus, mit dem die Riesenstadt vor allem durch die Ministerien gelenkt wird. Dass gewählte Lokalversammlungen mitreden dürfen, wissen viele Kairoer nicht einmal. "Es ist durchaus erstaunlich, was in dieser Stadt alles funktioniert", sagt ein ausländischer Ingenieur, der im Auftrag eines westlichen Geberlands an Kairos Abwassernetz mitgebaut hat. Dass der größte Teil des Abwassers inzwischen geklärt wird, ist im weltweiten Vergleich nicht selbstverständlich für eine Metropole mit mehr als 20 Millionen Einwohnern. Dazu ist Kairo eine der am dichtesten besiedelten Städte der Welt.
Doch Großprojekte sind nur eine Seite der Medaille. Eine Stadtverwaltung sollte auch auf Bedürfnisse oder Wünsche der Bürger vor Ort reagieren - selbst wenn die nur ein Loch in der Straße gestopft haben wollen. Sie sollte funktionierende private Systeme wie die Müllentsorgung nicht an sich reißen und durch eines nach westlichem Muster ersetzen, das schon nach einem Jahr zusammenbrach. Und sie sollte nicht so am Bedarf vorbei planen wie im Stadtteil Agusa. Im ärmeren Teil des Bezirks fehlen Plätze an öffentlichen Schulen, im wohlhabenderen gibt es zu viele, denn dort schicken die meisten Familien ihre Kinder in Privatschulen.
Die französische Politikwissenschaftlerin Sarah Ben Néfissa hält Kairos Lokalverwaltung für "krank". Der ägyptische Staat, so kritisiert sie, "weigert sich, gewählten Repräsentanten die Kontrolle über die Lokalverwaltung zu überlassen". Lokalpolitik im eigentlichen Sinne gebe es in Kairo gar nicht, stattdessen "exzessive Zentralisierung". Das Militär stellt die Gouverneure der Provinzen, die ernennen die Bezirkschefs. Selbst die Haushalte der untersten Verwaltungseinheiten werden zentral festgelegt. Parallel dazu werkeln lokale Vertreter zentraler ägyptischer Behörden oder - bei Löchern in der Straße - der lokalen Tochterfirma des nationalen Straßenbauministeriums. Auch dort sind die Chefposten meist mit Offizieren besetzt.
Ammar hofft, dass ein neuer Präsident korrupte oder inkompetente Beamte auf allen Ebenen rauswirft. So lange wollen die jungen Leute von Bassita nicht warten. Ihre Organisation soll dabei noch mehr als nur den Behörden Reparaturarbeiten abnehmen. "Wir wollen auch ein Forum sein, in dem sich Anwohner aller politischen Lager gemeinsam engagieren", erklärt Ammar. Das Scheitern der Verwaltung sei doch auch eine Chance, vor allem die Jugend des Viertels zusammenzubringen. "Wir wollen das positiv sehen."