Theoretisch könnten sie unendlich wuchern. Doch immer mehr Riesenstädte leiden unter ihrer Anziehungskraft. Sie stehen sich selbst im Weg - und ihren Bürgern. In einer sechsteiligen Serie werden die Wachstumsschmerzen der größten Städte der Erde beschrieben.
Die deutsche Botschaft in Teheran hat eine Lösung für die Verkehrsprobleme gefunden: Die Mitarbeiter treten ihren Dienst schon um sieben Uhr morgens an, wenn die meisten anderen Bewohner der iranischen Hauptstadt noch unter der Dusche stehen. Zu so früher Stunde lässt sich noch vermeiden, dass man ein bis zwei Stunden im Stau steht, um aus den Wohnquartieren des gutbürgerlichen Nordens der iranischen Hauptstadt ins Zentrum zu gelangen, wo die deutsche Vertretung ihren Sitz hat.
Doch auch bei fließendem Verkehr lässt sich einem Übel nicht entkommen: Die Augen brennen, es legt sich ein metallischer Geschmack auf die Zunge, das Atmen fällt schwer. Teheran leidet unter seiner Dreckluft. Der "Economist" kürte die Stadt 2010 sogar zur "versmogtesten aller Hauptstädte". Statt blauem Himmel sieht man meist nur Dunst. Auch das Elburs-Gebirge mit seinen schneebedeckten Gipfeln verschwindet oft hinter einer Nebelwand aus Abgasen.
Die Kessellage Teherans mit dem Halbrund der schönen Berge im Norden ist der Hauptgrund für die dicke Luft. Dennoch hat die Stadtverwaltung jahrzehntelang nur auf Autos gesetzt. Von den Ölmilliarden haben die Mullahs in ihrer Hauptstadt zahllose sechs- bis achtspurige Straßen gebaut. Die Stadtautobahndichte in Teheran ist heute höher als in Berlin. Genützt hat es wenig. Selbst auf achtspurigen Einbahnstraßen stauen sich die Fahrzeuge. "Noch mehr Straßen werden die Probleme nicht lösen, sondern nur zu mehr Verkehr führen", sagt der Ingenieur Wulf-Holger Arndt von der TU Berlin, der in dem Projekt "Young Cities" mit iranischen Kollegen vor Ort zu Megacitys forscht.
Der Smog richtet enormen gesundheitlichen Schaden an. 2010 sickerte aus dem Gesundheitsministerium durch, dass allein in den ersten zehn Monaten 3600 Menschen an seinen Folgen gestorben sind. Auch der wirtschaftliche Schaden ist enorm: 130 Mio. Dollar für jeden Tag, an dem Schulen, Behörden und staatliche Betriebe geschlossen werden müssen.
Die vielen Autos konsumieren darüber hinaus Unmengen an subventioniertem Treibstoff. "Einen so starken Anstieg des heimischen Verbrauchs im Iran hat niemand erwartet. So kann es nicht weitergehen", mahnte der Ölexperte Hamid Saheri von Crescent Petroleum schon 2006.
Inzwischen hat Teheran die Notbremse gezogen. "Aus der Zwangslage heraus entwickelt der Iran Elemente der Vernunft", so Verkehrsexperte Arndt. Ausgerechnet der umstrittene Präsident Mahmud Ahmadinedschad hat 2007 die politisch sehr schwierige Entscheidung durchgesetzt, die Subventionen drastisch zu kürzen. Nur noch 60 Liter pro Pkw und Monat werden verbilligt abgegeben. Seit 2010 kostet jeder weitere Liter fast 50 Cent - unvorstellbar für Iraner noch vor wenigen Jahren.
Auch auf den Straßen hat eine kleine Revolution stattgefunden: Es gibt nun abgetrennte Busspuren auf den Hauptverkehrsadern. "Es ist toll, am Stau vorbeizufahren", sagt eine junge Teheranerin. "Aber mit meiner kleinen Tochter würde ich nicht Bus fahren. Es ist fast immer unheimlich voll, und die Busse fahren nicht oft genug." Die Busspuren sind wie auch die eine U-Bahn-Linie auf der Nord-Süd-Achse nur eine bescheidene Abhilfe in der Metropole, in der, wenn man das urbane Umland mitzählt, immerhin 15 Millionen Menschen leben. Die meisten fahren deshalb weiter mit dem eigenen Auto oder im Sammeltaxi. "Es ergibt sich kein Vorteil daraus, wenn man öffentliche Verkehrmittel benutzt", sagt der iranische Verkehrsexperte und Megacity-Forscher Houshmand Masoumi.
"Busspuren und Expressbusse sind für Megacitys nicht ausreichend", so Arndt. "Es muss ein S- und U-Bahn-System geben. Vor allem Straßenbahnen sind ökologisch sehr effektiv, weil sie nicht so viel kosten wie U-Bahnen und keine Abgase produzieren." Die Iraner seien daran auch sehr interessiert.
"Aus meiner Sicht sind Straßenbahnen das Wundermittel gegen Smog und Stau", schwärmt Masoumi. Allerdings nur zusammen mit einer strategischen Planung, die auf regionale Zentren, also im Grunde auf eine "Kiezpolitik", setzt. Der Iran konzentriert sich derzeit vor allem auf Entlastungsstädte für die Metropolen. Doch denen fehlt oft ein Zentrum, ein "Herzstück". Das müsse sich ändern, sagt Masoumi. "Früher wurde im Iran immer so gebaut, dass es lokale Zentren gab - es ist nur in Vergessenheit geraten."