Theoretisch könnten sie unendlich wuchern. Doch immer mehr Riesenstädte leiden unter ihrer Anziehungskraft. Sie stehen sich selbst im Weg - und ihren Bürgern. In einer sechsteiligen Serie werden die Wachstumsschmerzen der größten Städte der Erde beschrieben.
Seit dem ersten Kälteeinbruch trägt Florian Meyer seine Überstunden mit Fassung - im Büro hat er es wenigstens warm. Seine Wohnung nennt der in Peking arbeitende Deutsche nur noch "meinen Kühlschrank"; zu Hause wärmt er sich die Finger an heißem Tee. Dabei wohnt Meyer in einer bei Ausländern beliebten Wohnsiedlung im Zentrum: Makler bewerben die Anlage als "Class A Residential House" - Uniformierte bewachen die Pforte, der Innenhof ist ansprechend begrünt.
Doch die Bausubstanz ist erbärmlich. Außenwände und Schiebefenster sind dünn, die Heizungswärme verpufft im Nu nach draußen. Meyer, der seinen echten Namen nicht in der Zeitung lesen will, kann die Temperatur nicht steuern: Am 15. November geht die Heizung an, am 15. März wieder aus. Und zwar in allen Wohnungen mit Zentralheizung nördlich des Huai-Flusses, der geografischen Grenze zwischen Nord- und Südchina.
Schätzungen zufolge werden weltweit zwischen 60 und 80 Prozent aller Energie in Städten verbraucht, ein großer Teil davon in Megacitys. Die Metropolen sind der Schlüssel im Kampf gegen den Klimawandel: Bis zu 70 Prozent der schädlichen Treibhausgase werden in Städten erzeugt.
Der chinesischen Regierung machen die Nachteile energetisch ineffizienter Gebäude schwer zu schaffen: Ein Drittel von Chinas gesamtem Energiekonsum fließt in den Bau und Betrieb von Wohngebäuden. In Städten wie Schanghai kommt es während der Sommermonate zu Blackouts, weil die Klimaanlagen zu viel Strom verbrauchen. Dass chinesische Gebäude doppelt bis dreifach so viel Energie fressen wie westliche, ist immer weniger akzeptabel.
Seit einiger Zeit versucht Peking deshalb gegenzusteuern - vor allem mithilfe höherer Energiestandards. So müssen etwa alle heute neu gebauten Gebäude 65 Prozent energieeffizienter sein als jene aus den 80er-Jahren. Und der Fünf-Jahres-Plan setzt ambitionierte Ziele für den Bestand älterer Gebäude: Allein in Peking sollen 30 Millionen Quadratmeter Wohnfläche bis 2015 energetisch saniert werden.
Doch die Umsetzung geht schleppend voran. Ein Grund ist der Bauboom der vergangenen Jahre. So schnell neue Büro- und Apartmenttürme aus dem Boden schießen, so schnell verschwinden sie wieder. Einzelne sind schon dem Abriss geweiht, bevor sie überhaupt fertig werden - die Immobilienblase macht den neuerlichen Verkauf, Abriss und Wiederaufbau lukrativ.
"Jedes Jahr kommen in China zwei Milliarden Quadratmeter an neuer Bodenfläche hinzu. Unsere Gebäude verbrauchen 40 Prozent des Zements und Stahls der Welt. Aber sie können im Schnitt nur 25 bis 30 Jahre stehen bleiben", klagte Qiu Baoxing, Vizeminister für Wohnbau. Die durchschnittliche Lebensspanne eines britischen Gebäudes beträgt 132 Jahre, eines US-amerikanischen immerhin 74 Jahre.
Oft scheitert die Umsetzung der neuen Standards schlicht am Willen und der Kompetenz von Bauunternehmen und Behörden. Sowohl die Durchführung als auch die Kontrolle von energieeffizientem Bauen setzt ein hohes Maß an Sachverstand voraus. Zudem sprießt die Korruption, weil sich nur wenige Immobilienentwickler den Markt teilen.
Und selbst wenn die Standards erreicht werden, müssen immer noch die Bewohner mitmachen. Dafür aber fehlen Anreize: Noch bis 2004 übernahm der Staat die Heizkosten komplett. Da sich der Verbrauch ohnehin nicht individuell steuern lässt, werden die Heizkosten schlicht pro Quadratmeter berechnet - ein Freischein zur Verschwendung. Doch auch dieses System wird derzeit reformiert, in jedem neuen Haus müssen inzwischen Messzähler eingebaut werden.
Am schwierigsten gestaltet sich die Sanierung des Altbestands. Während höhere Energiestandards den Bau neuer Gebäude nur um fünf bis acht Prozent verteuern, geht Sanierung richtig ins Geld. Dabei wäre das Einsparpotenzial hier besonders groß: Das zeigen Demonstrationsprojekte, die das chinesische Bauministerium seit 2004 zusammen mit der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) durchgeführt hat. Allein mithilfe doppelt verglaster, nach innen öffnender Fenster ließ sich in einer Reihe von Gebäuden die Innentemperatur von 15 auf 21 Grad steigern.
Bisher hat noch niemand Florian Meyer eine Sanierung angeboten. Der Deutsche hat sich nun selbst geholfen. Auf einer Baustelle fand er etwas Verpackungsmaterial, mit dem er die Fensterritzen abgedichtet hat. Im Wohnzimmer kletterte die Temperatur daraufhin von 15 auf 18 Grad.
| Megalopolis Peking | |
|---|---|
| 2011 | |
| Einwohner in Mio. | 19,612 |
| Jährliches Bevölkerungswachstum in Prozent | 3,8 |
| BIP je Einwohner in Dollar | 12447 |
| Fläche in km2 | 16807,8 |
| Mindestlohn im Monat* in Dollar | 198 |
| *2012; | |
| Quelle: FTD |