Es gelang Chinas Zensoren erst nach sechs Tagen, die Medien zum Schweigen zu bringen. Nachdem Ende Juli nahe Wenzhou zwei Züge verunglückt und dabei 40 Menschen ums Leben gekommen waren, hatten sich Chinas Reporter ins Zeug gelegt: Technische Mängel der Hochgeschwindigkeitszüge, Missmanagement bei der Bergung von Opfern, die hastige Beseitigung von Beweismaterial - alles kam ans Licht.
Getrieben von den Enthüllungen verdonnerte Peking die Medien schließlich, nur noch Berichte der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua zu verwenden. Bei Missachtung drohten hohe Strafen. Peking hielt das für nötig, weil Journalisten die Befehle der Zensoren einfach ignoriert hatten: Selbst Staatsmedien wie die "Volkszeitung" oder der Sender CCTV hatten sich über Anweisungen hinweggesetzt, nichts zu hinterfragen und vor allem keine eigenen Reporter an den Unfallort zu schicken.
Chinas Journalisten nutzen heutzutage jede Lücke in der Zensur, die sich auftut. Das zeigte der Unfall deutlich. Pekings Reaktion auf die Unfallberichte offenbarte jedoch noch etwas anderes: eine Spaltung im Zensurapparat selbst. "Es gibt die Politik der Regierung und die der Partei", sagt Zhan Jiang, Journalistikprofessor an der Pekinger Universität für Auslandsstudien. Generell sei die Partei deutlich konservativer, allen voran das von ihr kontrollierte Propagandabüro. "Die Regierung unter Ministerpräsident Wen Jiabao ist dagegen relativ offen." Und das hilft Redaktionen, ihren Spielraum vorsichtig auszuweiten.