Ein Dutzend Morde, 16 Entführungen, Schutzgelderpressung und Drogenhandel sollen auf das Konto der "roten Kommandantin" gehen. Die schmächtige Blondine, mit bürgerlichem Namen Irma Ramos Espinoza, ging diese Woche den Fahndern im mexikanischen Bundesstaat Nuevo León ins Netz. Sie ist bereits die dritte lokale Chefin des extrem brutalen Zetas-Kartells, die in den letzten Monaten festgenommen wurde.
In anderen Kartellen ist man mit der Emanzipation derweil schon weiter: In den vergangenen sechs Jahren haben Mexikos Sicherheitsbehörden 46 weibliche Narco-Bosse festgenommen, darunter Auftragskillerinnen. 14 weitere stehen derzeit auf den Fahndungslisten der Bundesstaatsanwaltschaft. Inmitten der von Machos geprägten Mafiakultur drängen immer mehr Frauen in Führungspositionen.
"Der Aufstieg der Frauen in die aktiven Narco-Strukturen hat damit zu tun, dass der sogenannte Drogenkrieg Präsident Calderóns immens viele männliche Opfer gekostet hat", sagt Ingrid Spiller, Lateinamerika-Expertin der Böll-Stiftung. "Nun rücken Frauen in diese Positionen nach. Sie kommen häufig aus den gleichen Narco-Familien, sind also Töchter, Schwestern, Ehefrauen, Geliebte."
Prominentes Beispiel ist Enedina Arellano Félix, auch bekannt als "Narco-Mami". Nach Angaben der US-Drogenbehörde DEA ist sie 2008 als erste Frau an die Spitze eines Kartells vorgerückt, nachdem ihr Bruder und Ex-Chef des Tijuana-Kartells verhaftet wurde. Sie hat Finanzwesen studiert und anschließend die Geldwäsche ihrer sechs Narco-Brüder übernommen.
Wegen vermeintlich weiblicher Fähigkeiten wie dem Haushalten werden auch im unteren Management immer häufiger Frauen rekrutiert - etwa um die Gelder in lokalen Dealernetzwerken einzusammeln.
Die neue Arbeitsteilung hat sich auch schon in den Gefängnissen niedergeschlagen: Nach Angaben des Nationalen Fraueninstituts ist die Zahl der weiblichen Häftlinge, die wegen Drogendelikten sitzen, allein zwischen 2007 und 2010 um 400 Prozent gestiegen. Und in einem Trainingslager der Zetas stießen die Behörden bei einer Razzia im vergangenen Jahr gar auf eine Frauenquote von 50 Prozent unter den Auszubildenden.
Bis vor wenigen Jahren haben sich Frauen im Mafiamilieu eher als Geliebte der Capos einen Namen gemacht - inzwischen werden sie als Chefinnen besungen. Doch in einem Punkt hinkt die Emanzipation noch hinterher: Über ihre Liebhaber sind noch keine Lieder bekannt.