Der Strom der Zuwanderer aus Mexiko in die USA versiegt. Zum ersten Mal seit Jahrzehnten kehren mehr Mexikaner in ihre Heimat zurück, als neu in die USA einwandern. "Die größte Einwanderungswelle der Geschichte aus einem einzelnen Land in die Vereinigten Staaten ist zum Halt gekommen", heißt es in einer Studie des unabhängigen Pew Hispanic Center, das Regierungsdaten auf beiden Seiten ausgewertet hat.
Zwischen 2005 und 2010 überquerten 1,37 Millionen Mexikaner die Grenze nach Norden - weniger als halb so viele wie zwischen 1995 und 2000. Gleichzeitig stieg die Zahl derer, die zurückkehrten, um mehr als das Doppelte auf 1,39 Millionen. Die Zahl der Menschen in den USA, die in Mexiko geboren sind, sank 2010 auf zwölf Millionen - nach dem Hoch von 12,7 Millionen im Jahr 2007.
Für die Umkehrung des Einwanderungsstromes nennen die Forscher eine Reihe von Gründen. Die USA haben ihre Grenzkontrollen verschärft und die Obama-Regierung hat mehr illegale Einwanderer deportiert als je zuvor. Zugleich sanken die Anreize für eine Übersiedelung in die USA. Nach der Immobilienkrise 2007 fielen viele Arbeitsplätze in der Baubranche weg. Der Lebensstandard in Mexiko ist dagegen gestiegen, und eine sinkende Geburtenrate hat den Druck aus dem heimischen Arbeitsmarkt genommen. Während eine Mexikanerin 1960 im Schnitt 7,3 Kinder zur Welt brachte, waren es 2009 nur noch 2,4.
Der Bericht kommt zu einem brisanten Zeitpunkt. Der Supreme Court, das Oberste Gericht der USA, nimmt am Mittwoch die Debatte über ein umstrittenes Gesetz auf, mit dem der Bundesstaat Arizona seit 2010 gegen illegale Einwanderer vorgeht. Der republikanische Präsidentschaftskandidat hat sich auf die Seite derer geschlagen, die ein hartes Vorgehen befürworten. US-Präsident Barack Obama wirbt dagegen um die Stimmen der Hispanics, die inzwischen 16 Prozent der US-Bevölkerung ausmachen. Viele Familien sind schon seit Generationen im Land und wahlberechtigt.
Die Erkenntnisse der Pew-Forscher geben beiden Seiten der Debatte Argumente. Hardliner werten ihn als Beleg dafür, dass schärfere Grenzkontrollen wirken. Tatsächlich hielten sich 2011 nur noch 6,1 Millionen Mexikaner illegal in den USA auf, im Vergleich zu sieben Millionen 2007. Nach wie vor stammen 58 Prozent der geschätzten elf Millionen illegalen Einwanderer aus Mexiko.
Diejenigen dagegen, die illegalen Einwanderern einen Weg in die Legalität ebnen wollen, sehen den rückläufigen Trend als Indiz dafür, dass das Problem sich selbst lösen werde. Einige warnen sogar, dass bald ein Mangel an Arbeitern für bestimmte Aufgaben drohe. In Georgia klagen viele Farmer über zu wenige Erntehelfern, seit der Staat schärfer gegen illegale Einwanderung vorgeht.