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Merken   Drucken   26.04.2012, 19:37 Schriftgröße: AAA

Mischung aus "Borat" und "The Economist": Der Mann mit der Botschaft

Der Dokumentarfilmer Mads Brügger zahlte 135000 Euro für einen Diplomatenpass und stieg als liberianischer Botschafter in den Handel mit Blutdiamanten ein. Das Ergebnis: Ein bizarrer Streifen über die Abgründe Afrikas.
© Bild: 2012 DPA/Johan Stahl Winthereik; dpa-Bildfunk/Tim Brakemeier
Der Dokumentarfilmer Mads Brügger zahlte 135000 Euro für einen Diplomatenpass und stieg als liberianischer Botschafter in den Handel mit Blutdiamanten ein. Das Ergebnis: Ein bizarrer Streifen über die Abgründe Afrikas.

FTD Herr Brügger, mit Verlaub, dürfen wir bitte mal Ihren Diplomatenausweis sehen?

Mads Brügger Klar. Ich habe auch die Ernennungsurkunde zum Botschafter, sehen Sie hier: die Unterschrift von Ellen Johnson Sirleaf, Friedensnobelpreisträgerin und Präsidentin von Liberia. Sie hat mich zum Botschafter ihres Landes in Bangui ernannt, der Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik. Ein Land, das in Europa fast kein Mensch kennt - außer vielleicht, man hat ein dubioses Interesse für Diamantenminen.

Sie vertreten als dänischer Staatsbürger ganz offiziell ein afrikanisches Land in einem anderen afrikanischen Land. Nicht als Honorarkonsul, sondern als richtiger Botschafter. Wie sind Sie an den Job gekommen?

Brügger Ich habe ihn gekauft. 135.000 Euro gab ich einem Makler dafür. Ich hätte auch Handelsattaché für Vanuatu werden können, dem Inselstaat im Südpazifik. Das wäre billiger gewesen. Oder Botschafter von Lesotho in Monaco, was aber mehr kostet. Es gibt einen florierenden Markt für solche Titel und sogar Preislisten. Im Paket enthalten waren übrigens ein liberianischer Führerschein und ein Ehrendoktor der Universität von Monrovia.

Nicht schlecht. Und das ist legal?

Brügger Zumindest ist es nicht verboten. Staaten sind souverän, die können selbst entscheiden, nach welchen Kriterien sie ihre Diplomaten auswählen. Es ist ein Geschäft: Auf der einen Seite stehen Dritte-Welt-Länder, die Geld brauchen, auf der anderen halbseidene Geschäftsmänner, die sich einen Vorteil von diplomatischer Immunität versprechen. Mit so einem Pass können Sie Millionen in Dollar oder Diamanten durch die Schleusen am Flughafen bringen, und kein Mensch hält Sie auf.

Es gab keine Eignungsprüfungen?

Brügger Nein. Man reicht einen Lebenslauf ein, das ist alles. Ich glaube aber nicht, dass den jemand liest. Angeblich werden die Hintergründe aller Kandidaten durchleuchtet, aber dann hätten sie ja merken müssen, dass ich investigativer Filmemacher bin.

Als Botschafter haben Sie wichtige Leute bewirtet, mit der Staatsspitze angebandelt und einen schmutzigen Deal mit einem Diamantenbaron abgeschlossen. Und das alles haben Sie gefilmt.

Brügger Ich wollte einen Dokumentarfilm über Afrika drehen, der ohne die üblichen Elemente auskommt - also sterbende Kinder, Aids, NGO, Bono. Viele dieser Filme sind exzellent, aber niemand sieht sie gern, weil sie einfach nicht zu ertragen sind. Da stolperte ich über diese Diplomatentitelmakler und sah die Chance, in Kreise zu gelangen, die mir als Filmemacher sonst verschlossen wären. Ich kann Dinge zeigen, die man sonst nie sähe. Wenn Sie nach Bangui fliegen und sagen: Ich möchte einen Artikel schreiben über endemische Korruption und neokolonialistische Ausbeutung, dann säßen Sie schnell wieder im Flugzeug oder im Knast. Und dann hätten Sie noch Glück.

Und deshalb treten Sie nicht als neutraler Beobachter auf, sondern machen die schmutzigen Geschäfte gleich selbst?

Brügger Man könnte es vielleicht "performative journalism" nennen. Es ist ein Stilmittel, eine neue Stufe im Dokumentarkino. Ich will zeigen, was man sonst nie in Afrika-Reportagen sieht: weiße Geschäftsleute und Diplomaten, reiche Strippenzieher, Regierungscliquen, die alle gemeinsam Land und Leute ausnehmen. Das hätte ich anders nicht schaffen können.

Als liberianischer Botschafter karikieren Sie Diplomaten aus einer vergangenen Zeit: Kaviar zum Frühstück, Dupont-Feuerzeug, handgenähte Lederstiefel, Maßanzüge. Eine Figur wie aus einem Roman von Graham Greene.

Brügger Nicht nur wir haben unsere Klischeevorstellungen von Afrika, sondern auch die Afrikaner von uns. Ich habe viel Geld ausgegeben für die richtigen Sorten Whiskey und Wodka, Gin und Scotch, und um meinen Humidor mit den richtigen Zigarren auszustatten. Kaviar und Foie gras habe ich kistenweise mit DHL runterfliegen lassen. Es hat sich gelohnt. Mit dem Auftritt hielten mich die wichtigen Leute für reich, exzentrisch, mächtig und gleichzeitig naiv, sodass sie mit mir Geschäfte machen wollten. So kam es dann ja auch.

Die Bilder erwecken den Eindruck, als hätte Ihnen die Rolle viel Freude bereitet.

Brügger Drei Jahre lang habe ich mich vorbereitet. Meine eigenen Fantasien spielten bei der Ausgestaltung der Figur auch eine Rolle. Als Kind saß ich immer gebannt vor den Abendnachrichten, wenn die Bilder von Bokassa, Mobutu, Idi Amin, al-Gaddafi und so weiter über den Bildschirm flimmerten. Eine faszinierende afrikanische Epoche, also ästhetisch gesehen. Und dann sind da die Comics: Mein Afrika-Bild wurde auch von "Tim und Struppi" entscheidend beeinflusst.

Das ist sehr komisch anzusehen, aber das Lachen bleibt einem angesichts der Umstände oft im Hals stecken.

Brügger Was ich mache, ist eine Mischung aus "Borat" und "The Economist". Vielleicht ist das meine protestantische Prägung: Wenn man etwas Lustiges sagt, muss man auch etwas Ernsthaftes sagen. So ist der Film. Und was mir wichtig war: Ich spiele ja keinen Botschafter, ich bin es wirklich!

Warum haben Sie sich eigentlich gerade die Zentralafrikanische Republik ausgesucht?

Brügger Wenn der Kongo das Herz der Finsternis ist, dann ist die Zentralafrikanische Republik ihr Wurmfortsatz. Es ist ein Land im Endstadium. Eine kleine Clique teilt sich die Macht. Jeder belauert jeden. Jeder ist verdächtig, einen Staatsstreich anzuzetteln. Es herrscht eine "Dog eat dog"-Mentalität. Und die einzige Verbindung in die Welt ist der wöchentliche Direktflug nach Paris, zur alten Kolonialmacht, die immer noch die Fäden zieht.

Klingt ja einladend.

Brügger Die wenigen Ausländer, die es nach Bangui verschlägt und die nicht für NGO arbeiten, sind entweder gescheiterte Existenzen oder Kriminelle oder beides. Sie treffen nirgendwo interessantere Typen als in einer Bar in Bangui! Es ist unmöglich, dort zu überleben, ohne in Korruption oder Kriminalität verwickelt zu sein. Man spielt mit, oder man ist draußen. Ein Auftragsmord kostet übrigens 50 Dollar.

Sie haben Ihre Treffen als Botschafter mit den Ministern genauso gefilmt wie den Ankauf von Diamanten und den Besuch einer Mine. Wie haben Sie die Aufnahmen gemacht, ohne dass jemand etwas merkt?

Brügger In meinem Botschafterbüro war es einfach, da haben wir versteckte Kameras installiert. Unterwegs hatten wir eine dieser Kameras, die wie ein normaler Fotoapparat aussehen, aber auch in HD filmen können. Das haben wir ganz offen gemacht: Den Kameramann habe ich als meinen Press Officer vorgestellt, der mein Wirken als Botschafter dokumentiert. So lief die Kamera meist mit, ohne dass es auffiel.

Eine der unfreiwilligen Hauptfiguren im Film, der Sicherheitschef des Präsidenten, wurde später ermordet.

Brügger Er ist die vielleicht wichtigste Figur, weil er so viel über das System erzählt, während er meinen Wodka trinkt. Ein unglaublich fettleibiger, schwitzender Typ, ein Tscheche, der lange in der französischen Fremdenlegion war. Ich habe ihn in einer Bar in Bangui kennengelernt und dachte, das muss ein Scherz sein, dass dieser Typ der Sicherheitsberater des Präsidenten sein soll.

Er öffnete Ihnen dann die Türen?

Brügger Ja, er kam immer wieder zu mir, dem Botschafter mit dem vielen Geld, und wir haben getrunken. Eines Tages drückte er mir einen Umschlag in die Hand, darin war sein offizieller Briefbogen, auf dem nur zwei Namen standen - von Männern, die ich anrufen könne. Einer davon war der Verteidungsminister. Dass er später offenbar erschossen wurde, habe ich erst erfahren, als ich wieder in Kopenhagen war, sonst wäre ich vielleicht ausgeflippt vor Angst. Wahrscheinlich wurde er verdächtigt, in Putschpläne verwickelt zu sein.

Hatten Sie nicht Angst, dass Sie auch irgendwann auffliegen?

Brügger Anfangs dachte ich ja, dass der Botschaftertitel mich schützt. Als ich dann länger da war, insgesamt zwei Monate, bekam ich das Gefühl, dass das nicht stimmt. Ich fürchte, mit dem Diplomatenpass kann man zwar Diamanten durch den Zoll bringen, aber wenn man sich mit den falschen Leuten anlegt, hilft er auch nicht weiter. Liberia hätte wohl kaum die Kavallerie geschickt, um mich da rauszuholen.

Im Film führen Sie Ihre Protagonisten vor, werfen mit Schmiergeld um sich, kaufen Blutdiamanten. Hatten Sie nie Bedenken, ob das alles ethisch okay ist?

Brügger Ich überschreite sonst übliche moralische Grenzen, ja. Aber wir haben die "Envelopes of Happiness" - also Geldgeschenke - nur verteilt, wenn wir direkt dazu aufgefordert wurden. Wir haben Korruption niemals initiiert. Außerdem ist ja alles im Film zu sehen, also total transparent. (Lacht.)

Offiziell sind Sie immer noch Liberias Mann in Bangui. Was machen Sie nun mit dem Botschafterposten?

Brügger Kürzlich bekam ich eine Einladung von Präsidentin Johnson Sirleaf nach Monrovia, um sie persönlich zu treffen. Aber ich denke, ich sollte es nicht übertreiben. Bald wird sich die Geschichte des Films in Afrika herumsprechen.

Eine Frage noch: Wie haben Sie die 135.000 Euro überhaupt der dänischen Filmförderung erklärt? Die hat ja den Film mitfinanziert.

Brügger Wir haben in Dänemark ein sehr progressives Filminstitut! (Lacht.) Tatsächlich habe von dem Makler sogar eine Quittung bekommen. Die habe ich dann eingereicht.

  • Aus der FTD vom 27.04.2012
    © 2012 Financial Times Deutschland
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