Dmitri Rogosin ist ständiger Vertreter der Russischen Föderation bei der Nato in Brüssel.
Die Nato tut sich schwer damit, Afghanistan zu stabilisieren. Daher versucht sie, ihre neue Strategie einzuführen. Zugleich bedient sich die Allianz mit der Durchführung militärischer Operationen aber auch unbeirrt alter Methoden, die sie bereits Ende der 90er-Jahre in Jugoslawien erprobt hat.
Diese Militäraktionen am Boden und aus der Luft retten sicherlich das Leben von Nato-Soldaten. Sie haben aber auch immer größere Verluste unter der Zivilbevölkerung zur Folge. Statistiken belegen, dass jeder afghanische Zivilist, der von der Nato-geführten internationalen Afghanistan-Schutztruppe Isaf getötet wird, den radikalislamischen Taliban rund 30 neue Kämpfer einbringt - nämlich die Verwandtschaft des Getöteten.
Überdies festigt jeder Todesfall unter den afghanischen Zivilisten die extremistische Ideologie der Aufständischen. Und er bestätigt die verbreitete Ansicht der Taliban-Ideologen, das Leben von Muslimen sei dem Westen nichts wert, das Leben von Christen hingegen werde sehr hoch geschätzt. Zu diesem Gefühl passt, dass die Nato angeblich afghanische Dörfer von Weitem und aus großer Höhe beschießt - was der Präzision der Angriffe schadet.
Damit läuft die Allianz Gefahr, ihre Operation in Afghanistan zu einem weiteren Kreuzzug der Christen im Osten zu machen. Die jüngste Tragödie beim Nato-Angriff auf zwei von den Taliban entführte Tanklastzüge in der Provinz Kundus mit bis zu 100 getöteten Zivilisten lässt Zweifel an der neuen militärischen Strategie der Allianz am Hindukusch aufkommen. Das oberste Ziel dieser Strategie, die die Nato seit einiger Zeit offensiv nach außen vertritt, ist es, die afghanische Zivilbevölkerung zu schützen.