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  22.08.2001, 20:21  

Mit illegalen Rohstoffhandel finanzieren Rebellengruppen ihre Kriege

Die Organisierte Kriminalität ist eine der größten Wirtschaftsbranchen der Welt. Die FTD untersucht in neun Folgen die Hauptzweige dieser Branche. Heute: Illegaler Handel mit Rohstoffen. von Christoph Plate, Kigali, Silke Mertins und Christine Mai, Berlin
An wen die Millionen Dollar genau fließen, weiß der Coltan-Händler nicht. Der Europäer lebt in der ruandischen Hauptstadt Kigali. In den kongolesischen Masizi-Bergen, wo Colombo-Tantalit - kurz Coltan - abgebaut wird, war er nie. "Ich kann ja nicht mit den vielen Dollars in der Tasche in den Kongo fahren", sagt er. Im Kongo ist Krieg.
Ein-, zweimal die Woche bekommt er mit dem Sabena-Flug aus Brüssel mehrere Hunderttausend Dollar geliefert, die er an einen ruandischen Händler übergibt. 15 Tonnen Coltan pro Woche werden so ausgeführt.
Anders als Diamanten oder Gold sieht Coltan nicht aus wie ein Stoff, um den man Krieg führen würde. Doch das harte, hitzeresistente und besonders leitfähige Erz ist ebenso unscheinbar wie begehrt. Denn für Handys, PC und die Luftfahrtindustrie ist es unentbehrlich.
Coltan - der strategische Rohstoff
Das Pentagon klassifiziert Coltan sogar als strategischen Rohstoff. Der New-Economy-Boom ließ den Preis vergangenes Jahr von rund 33 $ auf bis zu 175 $ pro Pfund steigen. Mittlerweile ist er wieder auf 75 bis 95 $ gesunken.
Doch das gut organisierte Geschäft ist noch immer lukrativ. Die kongolesischen Gräber, die ohne Sicherheitsmaßnahmen und unter Einsatz ihrer Gesundheit Coltan aus der Erde holen, bekommen etwa 10 $ pro Kilo. Teile des Nationalparks Kahuzi-Biega, in dem einige Tausend Elefanten und Flachlandgorillas lebten, sind von den Gräbern zerstört worden.
Der illegale Handel mit Rohstoffen heizt die Kriege in Afrika erst richtig an, klagen Menschenrechtsorganisationen und die Vereinten Nationen. In den Bürgerkriegsgebieten wird alles verschoben, was sich zu Geld machen lässt: Tropenholz, Edelsteine, Gold, Kupfer, Coltan. Die so entstandenen Schattenwirtschaften dienen nur einem einzigen Zweck: den Krieg zu finanzieren.
In Devisen lässt sich der Umfang des illegalen Rohstoffhandels insgesamt kaum schätzen. Denn nicht immer wird mit Geld gehandelt. Besonders Diamanten werden oft direkt gegen Waffen eingetauscht; im westafrikanischen Sierra Leone zum Beispiel, wo die Diamanten als besonders hochwertig gelten.
Im vergangenen Jahr wurden Schätzungen des Weltmarktführers De Beers zufolge weltweit Diamanten im Wert von 7,5 Mrd. $ produziert. "Zwischen 4 und 15 Prozent der Diamanten auf dem Weltmarkt sind Konflikt- oder Blutdiamanten", so die Menschenrechtsorganisation Medico International (MI) - Steine, die illegal von Rebellengruppen gefördert und gehandelt werden.
MI zufolge sollen allein die Unita-Rebellen in Angola von 1992 bis 1998 durch Diamantenverkäufe 3,7 Mrd. $ verdient haben. Werden die Steine nicht getauscht, wäscht man die Erlöse wie in allen anderen Bereichen der Organisierten Kriminalität über Banken und Privatfirmen.
Um den Handel mit den Blutdiamanten einzudämmen, hat die Uno 1998 ein Embargo gegen Angola, voriges Jahr eines gegen Sierra Leone verhängt. Aber die Sanktionen können leicht umgangen werden, indem die Steine über die Nachbarländer exportiert werden.
So erklärt sich zum Beispiel, dass die Diamantenexporte Ruandas in den letzten Jahren sprunghaft angestiegen sind - obwohl das Land gar keine Diamanten fördert.
Herkunft kaum nachzuweisen
In der Diamantenbranche - traditionell ein sehr diskretes Geschäft mit Drehscheibe in Antwerpen - hat bisher auch keiner nach der Herkunft gefragt. Und selbst nach internationalem Druck und der Selbstverpflichtung De Beers, nur noch unbelastete Steine zu kaufen, bleibt ein zentrales Problem bestehen: Es gibt kein fälschungssicheres internationales Zertifizierungssystem.
Noch schwieriger als für Diamanten dürfte der Herkunftsnachweis für Coltan zu erbringen sein. Ein Uno-Bericht über die illegale Ausbeutung von Rohstoffen stellt die Bayer-Tochter HC Stark - nach eigenen Angaben Coltan-Marktführer - an den Pranger. Das Unternehmen beziehe den Rohstoff aus dem von ruandischen Truppen und Rebellen besetzten Ostkongo und fördere damit den Krieg, heißt es.
"HC Stark trägt Mitverantwortung für die grauenhaften Kämpfe, denen schon Hunderttausende zum Opfer fielen", sagt auch Philipp Mimkes von der Organisation "Coordination gegen die Bayer-Gefahren".
HC Stark weist die Vorwürfe jedoch weit von sich. "Wir kaufen nur Material, das legal gefördert wurde und mit den Bürgerkriegsparteien nicht zu tun hat", so Sprecher Manfred Büntefisch. Illegale Quellen könne er ausschließen. Der umstrittene Uno-Bericht sei "definitiv falsch" und HC Stark "nie befragt worden".
Allerdings sieht nicht nur die Uno HC Stark als einen der Hauptprofiteure der Coltan-Förderung im Kongo. Die Behauptung der Firma sauber zu sein, entspreche nicht der Wahrheit, sagt auch Klaus Werner, Autor des demnächst erscheinenden "Schwarzbuch Markenfirmen". Seine Recherchen, bei denen er auch als ein Händler aufgetreten sei, "beweisen das Gegenteil", sagt er.
In Belgien haben bereits europäische Menschenrechtsorganisationen zum Boykott der Fluglinie Sabena aufgerufen, die Coltan aus den Krisengebieten transportierte. Mit Erfolg: Sabena will kein Coltan mehr nach Europa bringen. Coltanexporteure wie der europäische Händler in Kigali lassen ihre Ware ohnehin von russischen Flugzeugen fliegen. "Die Russen sind zuverlässiger als die Belgier."
  • FTD, 22.08.2001
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